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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Karl Kraus,   pp. 98-99 PDF (523.7 KB)


Page 98


legen anging, von dem Tag an, diehat du, bin ich eine Ausgestof3ene; von
einer solchen Welt bin ich geschieden, wie ein Idiot.
Denn ich verstehe ja nicht. Wie ein Idiot erschrecke ich vor den Menschen
und furchte mich seitdem. Sonst so stadtisch, treibt es mich seitdem in
schlafende Dorfer, in unbegangene Walder hinein, als gebe es noch eine
Flucht, und als sei die Tatsache dieses Krieges nicht langst ins Weglose
eingetragen und brutete nicht Uiber das verlassenste Moor. Selbst die reinen
Linien der Berge sind von lhm durchfurcht, von grauenvollem Wissen ist
der Mond umhaucht; keine Alm steht mehr in ihrer Unschuld da. Was ihn
erst unglaubhaft erscheinen Relg, das gemahnt jetzt alles an ihn. Auf keinen
Tisch, keine Tffrklinke kdnnen wir die Hand unvoreingenommen legen, wie
eine bittere Hefe ist er in unser Brot gebacken, und selbst Im Traume nagt
das dusnpfe Wissen um ihn. Wie leicht dunkt mir dagegen dein SchlafI
Und du selbst wie bevorzugt, wie unaussprechlich vornehm, daa du diesen
Zusammenbruch, Europas unsterbliche Blamage, nicht mehr erlebtest.
KIARL KIRAUS
1874 In Gitschin geboren, gab seit 1899  Menschheit". Seine Polemiken
vereint
die ,Fackel" heraus. Hervorragender  der Sammelband ,,Die chinesische
Mauer".
Publizist und Polemiker, Epigrammdich-  Er starb 1936 in Wien. Hier einige
seiner
ter; der Verfasser satirischer Aphorismen  ,GEDANKEN", bemerkenswert
durch ihre
und des Dramas ,,Die *letzten Tage der  aphoristische Zuspitzung und ihren
Witz:
Wenn Ich sicher wUllte, daB3 Ich mit gewissen Leuten die Unsterblichkeit
zu teilen haben werde, so mochte lch elne separierte Vergessenheit vorziehen.
*
Dle Deutschen sitzen an der Tafel einer Kultur, In deren Hause Prahlhans
Kuichenmeister ist.
*
Und wenn wir Deutschen Gott und sonst nichts In der Welt ffirchten, so
respektieren wir selbst ihn nicht um seiner Personlichkeit willen, sondern
wegen des Gerausches seiner Donner.
*
Ich habe mich viel und eingehend mit der Menschenwflrde beschaftigt,
habc in meinem Laboratorium die verschiedensten Untersuchungen daruiber
angestellt und muBl bekennen, daB die Versuche in den meisten Fallen schon
wegen der Schwierigkeit der Beschaffung des Materials kIaglich verlaufen
sind. Die Mcnschenwurde hat die Eigenttimlichkeit, immer dort zu fehlen,
wo man sie vermutet, und immer dort zu scheinen, wo sie nicht ist. Die
Fahigkeit gewisser Tiere, die Gestalt lebloser Korper oder Pflanzen anzuneh-
men, die man Mimikry nennt, und durch die die Natur sie in den Stand gesetzt
hat, ihre Verfolger zum Narren zu halten, tritt beim Menschen als die so-
genannte Wilrde in Erscheinung. Der Mensch zieht ein Kleid an und stellt
sicl' in Positur.
*
Ich glaube, daB die Politik entweder daran krankt, dai die Ideen aus
kWeinen Kopfen in kleinere Herzen, oder da2 sie aus kleinen Herzen in kleinere
Kopfe ubergehen.
*


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