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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdrückt
([1947])

Kurt Kläber,   p. 96 PDF (353.2 KB)


Page 96


MUtter, vom Schrei der Kinder nach Brot krummgezogen - MUtter, an der
Bahre des Erschlagenen, zu Mumien des h6olisch brennenden Schmerzes ver-
steinert - MUtter, die mit einer zitternden Laterne uber das Schlachtfeld
der Zeit gehen, ihr ermordetes Kind zu suchen - MUtter ohne Zahl, ein un-
geheurer Anmarsch, gewaltig in seiner Trauer, ein Aufstand, wie noch keiner
zuvor war: die MUtter kommen! Anbruch einer neuen Welt, deren Inhalt die
Mutterlichkeit sein wird.
KURT KLABER
1897 in Jena geboren, Schlosser bet ZeiB,  ,Barrikaden an der Ruhr'. Roman:
,,Pas-
spater Bergmann im Ruhrgebiet, Redak-  sagiere der dritten Klasse".
Im Exil ent-
teur an Arbeiterzeitungen, Leiter der Ho-  standen: ,,Die Toten in Potjanie"
und
chumer Arbeiterhochschule. sis 1933 als  ,,Johann Gottlob Leberecht auf der
Suche
Journalist, freier Schriftsteller und Ver-  nach Land". Der hier folgende
Abschnitt
leger tatig.  Seit 1933 abwechselnd in  stammt aus der vor 1933 geschriebenen
Frankreich und der Schweiz. Gedichte:  eindringlichen Novelle: DIE GESCHICH-
.,Neue Saat", Novellen: ,Revolutionare",  TE VON DER ANDEREN JOHANNE":
Dann kam    sie aber, die Johanne. Sie war klein, beweglich, eine Frau
zwischen 23 und 24. Dunnarmig, kurzhaarig, blauweite Backen, ein spitzer,
dunnlippiger Mund und die Augen. Sie varen so hell, wie sie scharf waren,
sie waren so gut, wie sie giften konnten. Augen von einem Stier und einer
Mutter waren es. Augen, wie sie eifie Johanna haben muB.
Sie sprach noch weniger als der graue Mann. Aber scharfer und Uber-
zeugender. Jedes Wort war wie ein Pfeil, war schon scharf und spitz, als
es
noch in ihren duinnen Lippen hockte, wurde gefahrlicher im Anfliegen, und
wo es saB, wo es hineinfuhr, saB es wie ein stechender Schmerz, saB es wie
ein bohrender Trieb. Ihre Worte ilberzeugten! Sie setzten in Brand! Alles
jubelte der kleinen Frau zu.
Was sie sprach. Ja, gegen die beiden. Erst gegen die Revolution und dann
gegen den Geist. ,,Es gibt eine Mitte!" .-agte sie. ,,Etwas, was wir
nicht erst
;churen miissen, und etwas, was wie der Geist erst wachsen muB. Sich
einfach vor diesen Krieg hinstellen. Vor seine Generale, vor seine Kanonen,
vor seine Soldaten, vor seine Schiffe, nicht mit Waffen, einfach mit uns
selber, so wie wir sind, so wie wir aussehen. tYberall, an den Kasernen,
in
den Stralien, auf dem  Bahnhof. Nicht abwurgen, nicht totreden, ersticken
miissen wir den Krieg. Und nicht erst nach Monaten, schon heute nacht,
morgen, jdden Tag, wie ein Brei missen wir uns in seine Rader werfen!".
.
WALTER KOLBENHOFF
Erst nach vielen Jahren ruheloser Fahr-  ging er wieder auBer Landes. Er
eml-
ten durch Europa, Nordafrika und Klein-  grierte nach Dlinemark. Dort erschienen
asien, nach wechselnden Tiltigkeiten als  sein erster Roman .,Untermenschen"
und
Gelegenheitsarbeiter und Stral3ensanger  einige Gedichtbande. Aus dem im
,,Hori-
wurde der 1908 in Berlin Geborene seB-  zont" vorabgedruckten Roman
Kolbenhoffs
haft und avancierte zum  Schriftsteller.  ,,AUS UNSEREM FLEISCH UND BLUT"
Aber nicht ftir immer, dean schon 1933  geben wir einen kurzen Abschnitt
wieder:
Draullen, auf einer zersplitterten Holztfir, die der Luftdruck aus den
Angeln gehoben und in das Gerlimpel geschleudert hatte, saBl ein Hund und
starrte winselnd in das Gemauer. Sein Schatten ging uber die zersplitterte
TU- hinaus und zerbrach in den Steinen. Die BeschIlge an seinem Halsband
glarizten matt. Sein Winseln war leise und durchdringend, es kroch uber die
Steine, quetschte sich in Spalten und Fugen, drang in Krater und Keller und


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