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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdrückt
([1947])

Arnold Höllriegel,   pp. 73-74 PDF (648.5 KB)


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Dummkopf sein. Aber sie selber, die Menschen - die deutschen Menschen!
Aber es geht rnir unheirnlich damit: ich bekomme sie nicht zu fassen. Nicht,
als ob sie verschlossen wdren oder hinterhaltig, davon hab' ich unter suid-
lichen Breiten ganz andere Beispiele erlebt - aber wenn auch: ein ver-
schlossenes Gesicht und ein tuckisches Gesicht reden auch ihre Sprache, und
daran, daBS er sich nicht fassen lassen will, daran faB' ich eben einen solchen.
Aber hier - hier ist nichts von Verstellung, nichts von Absicht, und darum
urn so schlimmer. Wo soll ich eines Menschen Wesen, suchen, wenn nicht in
seinem Gesicht, in seiner Rede. in seinen Geb§rden? Meiner Seel', In
ihren
Gesichtern, ihren Gebarden, ihren Reden finde ich die gegenwartigen Deut-
schen nicht. Wie selten begegnet mir ein Gesicht, das eine starke, entschie-
dene Sprache redet. So verwischt sind die meisten Gesichter, s~ ohne Frei-
heit, so vielerlei steht darauf geschrieben, und alles ohne Bestimmtheit,
ohne
GroBe. Es geschieht mir manchmal, dal3 ich mir das Gesicht eines India-
nischen Halbbluts herbeiwiinsche oder das Gesicht eines chinesischen Last-
tragers. Neulich hatte ich, einer schwebenden Sache wegen, Empfehlungen
an den ersten Prasidenten eines der obersten Gerichtshofe. Der alte Herr
war gultig und gesprachig, aber die Schwachlichkeit eines nervosen, alten
Gesichtes und ein Etwas von weltmannischer Ironie in seinem Ton, als wollte
er zcigen, dal3 er kein Pedant ware, vexierte mich so, dalB ich kaum o 'dent-
lich Antwort gab. Mir geht in letzter Zeit das englische Wort nicht aus dem
Kopf, mit dem sie ihren alten Gladstone ehrten, Grand olc man! Und ein
Richter, ein oberster Richter unter den Deutschen! Meine Traume! Ich
mochte einem  begegnen, der jeder Zoll ein groBartiger alter Mann wdre.
Aber es ist alles so verwischt, durcheinander hingemischt: in den Jungen
wieder steckt etwas von den Alten, in den Gesunden etwas von Kranken,
in den Vornehmen etwas von recht Unvornehmen. Und ihre Gebarden sind
genau wie das. Alles mischt sich da durcheinander. Wo bloB das Hdfliche
hingehbrt, mischen sie Gott weil3 was fur eine Art von biederer Zutrau-
lichkeit darunter, urn dann wieder aus dem angewarmten Ton in eine solche
Trockenheit, solche Trivialitat zu fallen, dalB es weh tut; wollen sie aber
grole Airs annehmen, so ist es eine falsche Feuerlichkeit, eine angstvolle
Gespreiztheit, die den Fremden kalt und verlegen macht.
ARNOLD HOULLIEGEL
Hollriegel (Richard A. Bermann), vor 1933  reisen darstellten. Er ist, nach
1933 emi-
Mitarbeiter des ,,erliner Tageblatts",  griert, in USA gestorben. Fur
seine Art
schrieb ein volkerkundlich fesselndes Buch  der Darstellung ist der hier
gektirzt wie-
fiber Irland und zahlreiche aufschlulivolle  dergegebene Essay: ,,AU11 STEVENSONS
Hitcher, die den Ertrag seiner Welt-  LETZTER INSEL" sehr kennzeichnend.
Drei Tage lang fuhr ich von Tonga nach Sam6a, auf der ,,Tofua", einem
kleinen, engen und wenig angenehmen Schiff, das vollgeraumt war mit
Barrikaden von Ananas-Kisten. Drei Tage lang, Tag und Nacht, horte ich
die Kanaken im Zwischendeck ihre Lieder singen; das ganze Schiff roch nach
ihrem Salbol, ihren Blumengirlanden und auch ihren Nachttopfen. In diesen
drei Tagen las ich einen zerfallenen Band aus der kilglichen kleinen Schiffs-
bibliothek. So, mit den Liedern Samoas in meinem (Ohr, mit dem geklatschten
RhMthmut der Tanzgesainge, mit dern Geruch der grbfiten samoanisshen Leiber
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