University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Hugo von Hofmannsthal,   pp. 72-73 PDF (710.0 KB)


Page 72


normal gebildeten Ohrmuscheln stehen welt vom Schadel ab. Die linke
ist oben, nahe bei-n Rande, durchbohrt. Dort hat Gandhi als Kind den bei
den Hindu ublichen Ohrring getragen. Das- Haupthaar ist - bis auf die
einzige lange Haarstrahne, die jedem  giaubigen Hindu vom  Hinterhaupt
herabhangt - wegrasiert. Die Augen blicken sanft, schwarz in gelblichem
Schimmer, fast in jugendlicher Frische, das ist das Charakteristische an
der
sonst so unauffalligen Erscheinung; ein jugendlich frisches Leuchten uber
dem Gesicht des Sechsundfunfzigjahrigen. Seine Stimme ist angenehm, ohne
sonoren Kiang. Er spricht in sehr gutem, gewahltem Englisch. Ein gutiges,
oft naives Lacheln belebt das Gesicht, wobei die Zahnliicke zum Vorschein
kornmt. Wenn das Gesprach auf heitere Dinge kommt, ein herzliches, halb-
lautes Lachen. Keine Zuriickhaltung, ganz freies, ungezwungenes Wesen, ohne
,,Wiurde"; hie und da kleine, wie erlauternde, formende Bewegungen der
Hande; Verlangsamen der Worte, sobald ich etwas aufschreibe; freundlich
wartender Blick, vorgeneigter Kopf, wenn ich spreche.
Wir sprechen uber eine Stunde lang. Mein Begleiter, die beiden Schuiler
des Mahatma, auf dem Boden derweil ohne Regung, ohne Laut, wie erstarrt.
Die Briefe, Telegramme liegen unbeachtet da. - Nachher bedient sich Gandhi
einer Hornbrille zum Lesen; beim Schreiben - mit der linken wie mit der
rechten Hand - eines Fullfederhalters. Die ganze Zeit sitzt er mit unter-
geschlagenen Beinen hinter dem niedrigen Schreibpult auf der Matratze, sein
Lendenschurz bedeckt den Unterleib vom Nabel bis an die Knie. Die Schiller
tragen weiile Jacken, das weiBe, um die Beine geschlungene Tuch, die weiBe
Kappe, die die Anhanger Gandhis in ganz Indien als solche kennzeichnet -
es ist die Str~flingskappe, die der Mahatma im Gefangnis trug.
HUGO VON IHOFMANNSTHAL
1874 in Wien geboren, sclirieb Gedichte  werden. Gedankentiefe Essays vereinigte
und Prosa von erstaunlicher Frlihreife:  der Band ,,Die Dertihrung der SphAren'.
sein Spiel vom ,,Jedermann' (seinerzeit  Hofmannsthal, 1929 gestorben, gehorte
zU
von Max Reinhardt im Rahmen der Salz-  denen, deren Bticher wahrend des ver-
burger Festspiele inszeniert), sein Myste-  gangenen  Jahrzwolfts nicht neu
Auf-
riendrama .,Der Tor und der Tod", sein  gelegt werden durften. - Aus
einem 1901
Lustspiel ,,Der Schwierigel, seine ,,Elek-  geschriebenen  BRIEF  Iofmannsthals
tra' und die Dramen ,,Tursn" und ,,Das  (in dem im Suhrkamp-Verlag,
Berlin, er-
Bergwerk von Falun" gehiren zu den  schienenen Taschenbuch ftir junge
Men-
Schopfungen, die nicht sobald yergehen  schen nach Jahren Wieder verbffentlicht):
Ich welB nicht, auf was hin die Leute leben, das 1st es, und je langer ich
mich unter ibnen bewege, urn so weniger weiB ich es. Sie sind ernsthaft,
sie
sind ttichtig, sie arbeiten wie keine Nation auf der Welt, sie erreichen
das
Unglaubliche -  aber es ist keine Freude, unter ihnen zu leben. DaB ich
achtzehn Jahre fort war und nun zurtick bin und das beschreiben muB! Irr'
ich mich? Wie gem mochte ich mich irren! Ich verhandle, und ich verkehre,
und ich werde freundlich aufgenommen, und ich mache Diners mit, und
ich werde aufs Land eingeladen, und ich sehe alte Manner und junge Manner,
IHinaufgekommene und Leute von Familie, Manner in Amtern und Manner
mit einem riesigen Vermogen, Menschen, die noch viel vom Leben erwarten,
und Menschen, die mit dem Leben abgeschlossen hahen, und ich kann ihrer
nicht froh werden. Und ich werde so gern eines Menschen froh! Ich achte
so geli! DcllIe sscht, daB ich ihre Leistungen nicht achte, da mrtil.te ich
ein


Go up to Top of Page