University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Franz Hessel,   p. 69 PDF (358.9 KB)


Page 69


Leidenschaft des Miterlebens klarblickend zur Umwelt Stellung nimmt, wie
es Daurnier, Rowlandson, Masereel usw. taten und tun, entschleden, mit
einer gan7 bestinmmten Initiative auf den aktuell politischen Kampfplatz
getreten. Die polemischen Bilderbucher ,,Das Gesicht der herrschenden
Klasse" und ,,Abrechnung folgt" enthalten Zeichnungen, die klassisch
Lie
politischen und sozialen Verhaltnisse im heutigen Deutschland In sinn-
filligsten politischen Anschauungsunterricht und unverwuistlich praktisches
Kampfmittel umsetzen. Souverane technische Meisterschaft stellt sich ent-
schiedenu auf die Seite der Vergewaltigten: die Schwachen, Schaden, Ver-
ruchtheiten der geltenden gesellschaftlichen Gliederung und des iiblichen
Herrschaftssystems werden in zeichnerisch geistvollen, bilderbogenklaren,
den Einfaltigsten iiberwaltigenden, handfesten, markanten Demonstrationen
auf die schlagendste Pointe gebracht. Schonungslos scharfe Mottos machen
jas Resultat jeden Blattes auch dem stumpfesten Gemiite aufreizend klar.
Mhe Bildwerk und Motto zusammengehen, beidq an Sarkasmus und Pointen-
wucht gleichwertig sind: ein derartiges, wirklich praktisches ,,Gesamtkunst-
werk" ist fdr Deutschland etwas durchaus Neues.
George Grosz, Genie heutiger deutscher Mal- und Zelchenkunst, hat die
grole Vberlegenheit einer unbestechlichen Kritik an dem, was ist; weist
jeder angemal~ten Autoritat ihre Fratze; liefert dem Kampfe der auf-
steigenden Schicht die wirksamste, anschaulichste Faktensammlung und
postiert auf der Brucke zur Zukunft die Monumentalfiguren seiner ebenso
aktuellen, wie zeitlos wahrheitsgetreuen Menschheitsportrats.
FRANZ IIESSEL
1880 In Berlin geboren, war der Dichter  ist, nach langer Ilaft In einemn
Internfe-
impressionistisch gesehener Prosa und  irungslager, in Frankreich gestorben.
Zu
zarter Romane und Emrzhlungen. Er hat , seinem Gedenken stehe hier eine kleine
sich such als ttbersetzer betatigt und war  Betrachtung, die bezeichnend
fair die im-
Nitarbeiter der ,Literarischen Welt". Er  pressionistische Art seiner
Darstellung ist.
Aber was rate ich nun dem Bekannten, dem Fremden, der um Rat fragt,
ID welchem Teil der groBen Stadt sein Zimmer durch Abend und Morgen
gleiten soll? Es ist ja eigentlich gleichgilltig wo. Je anonymer Haus, StraBe
und Carrefour ist, um so mehr bist du in Paris. Paris, das ist der schmale
Gitterbalkon vor tausend Fenstern, die rote Blechzigarre vor tausend
Tabakverschleilen, die Zinkplatte der Aleinen Bar, die Katze der Concierge.
Man kann also irgendwo wohnen. Man m6chte aber auch uberall wohnen,
mochte Einschlafen und Aufwachen jedes Stadtviertels miterleben. Bist du
lange ziellos durch die Stadt gewandert, bekommst du Lust, da schlafen
zu gehen, wo du gerade mude geworden bist, an einem Platz etwa, der,
nitten im Getriebe, die plotzliche Stille eines baurnbestandenen Squares
um-
gib;, wo man aus dem Hotelfenster auf fahlgrune Wipfel und die kleinen
verlassenen Sandhaufen eines Kinderspielplatzes sehen wird. Oder an einemn,
der ganz Stein ist und eindringlich seinen Kreis, sein Vier- oder Achteck
um
eine Saule, ein Standbild, einen Brunnen zeiehnet und diese zu Erennpunkten
macht, auf welche aus munidenden Straten das Leben zustrebt, imn Ansturm
umgebogen und in den Tanz des Platzes eingefangen, einen Tanz, der als
Erinnerung die ganze Nacht sonor und leise uiber dem PfrD ste'- weiterschwingt.
69


Go up to Top of Page