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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Moritz Heimann,   pp. 66-67 PDF (558.1 KB)


Page 66


Ihre Wege und Ziele, ihre Worte und Mittel scheinen Vlelen plump, ge-
walttatig, unversohnlich, abstoflend. Ihre Parolen horen sich an wie von
Blechinstrumenten geblasen. Jeder feinere, stillere Ton ist ihnen von vorn-
herein verdachtig. Es sind derbe Naturen, die grob auftreten und sich
darum schon fur die besten Deutschen halten. Andere sind ihnen Leise-
treter, Friedenspsalmisten, Schwachlinge. So malt sich ihnen die Welt.
Und dennoch: Trotz allem: Diese Menschen haben recht behalten. Ste
haben gesiegt. Ihre Prophezeiungen sind eingetroffen. Es hilft nichts, sich
gegen die Erkenntnis einer Wahrheit zu strauben.
Wir k6nnen sie bedauern, aber wir l6schen sle nicht aus. Sie ist da. Wir
durfen uns nicht blind stellen.
Was die Welt jetzt durchmacht, daB die Millionen und abermals Millionen
iichzen und jammern, daB die Menschen unfahig sind, Kriege zu verhindern,
und dal3 sie sich in *einem gewissen Zeitraum Immer wieder aufeinander
sturzen mnissen, haben viele unter uns nicht fur moglich gehalten; sie
wtinschten es nicht zu glauben. Jene Alldeutschen dagegen, durch ihre
andersartige Weltanschauung viel sorgfaltiger vorbereitet, auf den Krieg
besser eingestellt, wurden durch den Ausbruch der Katastrophe keineswegs
iiberrascht . .
Die Frage erhebt sich, sind wir auf die Welt gekommen, um uns
gegenseitig zu beklimpfen, oder um - Inmitten der ungeheueren Wirtschaft-
lichen Kdmpfe des Friedens - Gegensaitze m6glichst zu schlichten, Un-
gerechtigkeit m6glichst zu mildern oder auszumerzen? Welchen Sinn hat
diese beste aller Welten? Hal3, Kampf, Krieg, Brutalitat zu erzeugen? Und
hinzuzufugen dem an Rohheit wahrlich schon reidhen Leben der Menschen?
Liegt Hall und Gemeinheit so tief In der menschlichen Natur begrundet,
wie aufrnchte Pessimisten glauben, so verftigt sie doch in gleicher Weise-
wir sehen es selbst in diesem Krieg - tiber Liebe und Gute.
Ja, alle offiziellen Religionen, alle Lesebticher scharfen grollen und
kleinen Kindern ein, daB aller Weisheit und Anfang in der Liebe und in
der Giite bestande. Der Krieg unterminierte auch dieses Fundament.
MORITZ HEIMIANN
Er ist schon vor Beginn deg Hritler-  rarlsebes und Politisches vereinend,
sind
Regimes. 1925, gestorben, der getreue Iat-  stilistische Meisterweeke. Noveilen
von
geber und Lektor S. Fischers, der man-  hohem Rang finden sich in dem Sammel-
chen neuen Dichter entdeckt und gefordert  band ,,Wintergespinst". -
Hier folgen ein
hat. Seine gesammelten Schriften, Lite-  paar seiner gedankentiefen Aphorismen:
Melnungen haben, heltt noch nicht denken. Auch Meinungen beweisen,
heil~t noch nicht denken. Es gehtrt zum Denken eine grbAlere Freiheit von
13itelkeit, Selbst- und Weltsucht. Die meisten Meinungen kommen zustande,
indem man vergilit, wo man sie gehort oder gelesen hat.
*
Nicht In der Heftigkeit, sondern In der Richtigkelt eines Gedankens
llegt schliefflich doch sein Wert, wie seine Wirkung.
*


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