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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Werner Hegemann,   pp. 60-61 PDF (582.5 KB)


Page 60


sind ein splelendes Kind, eln suBer Walzer von StrauB, eine schone Kra-
watte, der Herbst, eine alte Stadt, ein dunkler Bach, ein dummer August
und Vorstadtkomiker. Was mich traurig macht, ist das Leid der kleinen
Ladenmradel, der dummen Lehrjungen, der armen MUtter, Oas Leid aller,
denen oft so unsaglich schwer ist ... Am traurigsten bin ich, denk' ich
manchmal an mich selbst.
Was mich manchmal wieder hoffen la&lt, sind die Sterne, der blaue
Himmel, der gute Brief eines edlen Menschen.
So ist uiber ein Menschenschicksal nichts zu sagen: daB es oft, oft recht
traurig ist und man, je alter man wird, um so weniger lichelt. Aber viel-
leicht ist doch irgendwo ein Gott, dann ist ja alles, alles gut.
'WERNERIt HIEGEMA1N
1881 In Mannheim geboren, vor 1933 Ar-  sachenmaterial entgegentrat. Seine
B1lcher
chitekt in Berlin, schrieb Werke fiber  wurden auf dem  Scheiterhaufen ver-
Stbdtebau und eine Reihe hervorragender  brannt. Hegemann ging ins Exil und
ist
BtIcher: ,,Friedericus oder das Kiinigs-  1935 in Amerika gestorben. In der
Emi-
opfer", ,Napoleon oder Kniefall vor dem  gration entstand sein grolles
Werk ,Ent-
Heros" u. a., in denerl er der liblichen  larvte  Geschichte".
-  Das Fo~gende
Heroisierung mit erbarmungslos - kriti-  stammt aus einem Artikel fiber Alfred
schem Gewissen und erdrUckendem Tat-  Baeumlers NIETZSCHE-BIOGRAPHIE:
Ein prophetenglaubiger Schicksalsdetektiv wie Baeumler wird nicht irre,
wenn die Prophezeiungen seines Propheten nicht in Erftillung gingen. So
prophezeite Nietzsche im Jahre 1888: ,,Ich schwore Ihnen zu, daBI wir in
zwei Jahren die ganze Erde in Konvulsionen haben werden. Ich bin ein Ver-
hangnis." Diese uibertriebenen aktivistischen Wirkungen erwartete Nietzsche
namentlich von seinem ,,Ecce homo", mit dem ar erauch ,,durch Zahl der
Auflagen selbst Nana (von Zola) zu tibertreffen" versprach. Die von
Nietzsche sofort erhoffte franzosische Ausgabe des ,,Ecce homo" -  ,,fur
3 frs. 50" - erschien dann erst zwanzig Jahre spiter; also erst damals
(1908), als die Deutschen mit einer teueren, obendrein geschmacklosen Luxus-
aiisgabe ,,in beschralnkter Anzahl" und im Jugendstil abgespeist wurden.
Und was die fUr 1890 prophezeiten ,,Konvulsionen" und hohen Auflagen
anbetrifft...: ,,Wenn der Autor in seinem Streben nach Wahrheit davon
getraumt hatte, die Welt aufzupeitschen, so hatte er sein Ziel erreicht."
So
schreibt Denise Leblond-Zola, die niemals langweilige Biographin ihres be-.
ruhmten Vaters. Aber sie denkt dabei weder an Nietzsche noch an. Marx,
sondern an die Erschutterungen, die - erst 1896 - Zolas Aufsdtze ,,Ich
klage an" und ,,Fur die Juden" hervorriefen. Ob die letzten Prophetien
Nietzsches auf etwas abzielen sollten, das etwa Zolas historischem Kampfe
gegen den Antisemitismus geahnelt hatte, konnte Nietzsche nicht mehr klar
zum Ausdruck bringen. Doch enthalten seine letzten Erlasse wiedetholt Ver-
sicherungen wie: ,,Ich lasse eben alle Antisemiten erschielien" und:
,,Wil-
helm, Bismarck und alle Antisemiten abgeschafft."
Warum blieben alle diese Hoffnungen und aktivistischen Prophezeiungen
Nietzsches unerfuilt und weltfremd? War es Schicksal oder der von ihm
geleugnete Zufall, daBi sich Nietzsche zehn bis zwanzig Jahre vor seinem
,,Zusammenbruch am 3. Januar 1889" die ,,syphilitische Gehirnkrankheit"
zuzog, die nach Ansicht fuhrender Psychiater (wie Kurt Hildebrandt, Bins-
wanger, Wille-Basel) diesen ,,Zusammepbruch" herbeifuhrte? Diese Frage


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