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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Hans Habe,   pp. 57-58 PDF (616.6 KB)


Page 57


traumt, auf einem Ritt an der Pazifischen Kiiste Mexikos. Zw6lf Stunden
unter Tropenknallsonne, Bruhwasser nur in der Flasche, der ganze Mensch
nur beherrscht von einem Trieb: trinken! Da siedete Durstfieber im Hirn,
und ich sah, torkelnd auf dem Pferd, Eimer voll Eiswasser.
WILLY HAAS
1891 geboren, Herausgeber der vor 1933  London. 1923 verifrentlichte er'den
ausge-
erschienenen Zeitschrift,,LiterarischeWelt",  zeichneten Essayband:
.,Das Spiel mit dem
Verfasser zahlreicher Essays, lebt, nach  Feuer." Aus einem von 1933
gehaltenen
langem Aufenthalt in Indien, jetzt in  Rundfunkvortrag tibers FRANZ KAFKA:
Ich mochte Sie nicht erschrecken, wenn ich Ihnen nun sage, welcher Art
diese Probleme sind. Sie sind namlich theologischer Art. Es handelt sich
hier aber nicht um irgendeine theologische Wissenschaft, es handelt sich
nicht einmal um konfessionelle Dinge. FUr Kafka gab es eine Macht ober-
halb und eine Matht unterhalb der Menschen, beide einwirkend auf das
irdische Menschenleben. Das Charakteristikum der oberen Macht ist Gnade,
freilich eine seltsame Art Gnade, das Charakteristikum der unteren Macht
ist gnadenloses Urteil und Verdammnis. Die obere Macht, den Bereich der
Gnade, hat er dargestellt in seinem grotien Roman ,,Das SchloB", die
untere,
den Bereich des Gerichts und der Verdammnis, in seinem ebenso grolen
Roman ,,Der Prozel". Die Erde zwischen beiden, das irdische Leben, das
irdische Schicksal und seine schwierigen Forderungen hat er in strenger
Stilisierung zu geben versucht in einem dritten Roman ,,Amerika", tibrigens,
um ganz offen zu sein, mit weit geringerer Genialitat. Sie sehen den ganz
dantesken Aufbau dieser Trilogie, der iibrigens- dem Dichter sicherlich nicht
OewulSt war: oberirdische Welt, irdische Welt, unterirdische Welt. Sowelt
ginge das etwa noch in eine konkrete katholische oder protestantische Auf-
fassung einzureihen. Aber jetzt mtissen Sie diese Auffassungen schn'ell auf-
geben, wenn wir eine Blasphemie vermeiden wollen. Die obere Macht ist
ndmlich ebenso grausam, katzenhaft oder raubtiermaJBig mit ihrem  Opfer
spielend gesehen wie die untere, beide Welten sind ein halbdunkles, stau-
biges, engbrustiges, schlecht geluftetes Labyrinth von Kanzleien, Buros,
Wartezimmern, mit einer unabsehbaren Hierarchie von kleinen und grosen
und sehr grotien und ganz unnahbaren Kanzleibeamten und Unterbeamten
und Btirodienern und Advokaten und Hilfskrdften und Laufjungen, die
$ullerlich geradezu wie eine Parodie auf irgendwelche licherliche und sinn-
lose Beamtenwirtschaft wirken. Aber alles ist wie fasziniert von einem
durchdringenden Strahl, der aus irgendeinem Weltmitlelpunkt kommt.
HANS H ABE
1934 europSischer Emigrant, 1939 Frei-  Chefredakteur der ,,Neuen Zeitung",
1946
williger der franzosischen Armee, 1940  Autor der anierikanischen  best-seller-
Kriegsgefangener in  einem  deutschen  Liste und Verfasser des gro~en Erlebnis-
Durchgangslager, 1944 amerikanischer Offi-  berichtes ,,OB TAUSEND FALLEN",
aus
zler bei der Landung in Frankreich, 1945  dem wir den folgenden Absatz zitieren:
Die doppelte Krankensuppe sollte um halb zwblf verabreicht werden. Es
war elf Uhr vorbei. Wenn Bolomey vor halb zwolf starb, konnten wir
seine Suppe bekommen. Wir sal3en, die Beine gekreuzt, neben demr R6cheln-
den. und schielten hier und da nach der TUr.


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