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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Alfons Goldschmidt,   pp. 56-57 PDF (669.7 KB)


Page 56


Wesens nun mit unaussprechlicher tYbelkeit vermischt ist, das bereitet mir
qualvoll_ Pein.
Ich konnte mir sagen: Ich bin ein Jude, ich bin nie ein Deutscher gewesen.
Aber das wtirde nicht wahr sein. All meine schonen Erinnerungen, meine
ersten literarischen Abenteuer, meine musikalischen EindrUcke, meine ersten
Freundschaften waren deutsch, deutsch und europaisch, verwurzelt in einem
menschlichen, kunstlerischen und wissenschaftlichen Geist, den ich fUr echt
une. sch6n hielt - und der in einer Katastrophe sein Ende fand. Wahrend all
de- Jahre meiner aufrichtig erstrebten Wandlung aus einem  Europier in
einen Amerikaner habe ich mich immer wieder durchforscht, um herauszu-
finden, was denn nicht richtig war mit meinem Leben, meiner Zeit, meinem
fruherer Heimatlande. Es ist leicht, sich eine Meinung zu bilden und an einem
Dogma festzuhalten. Allzuleicht. Wenn man alle Deutsche vernichten wiurde,
dann wtirde die Pest, die in dem Organismus ausbrach, noch immer da sein,
und die Gefahr ihrer Verbreitung wurde nicht aufhoren. Der Faschismus ist
eine Weltkrankheit, eine universale Schande, die im Boden dieses Jahrhunderts
gart und tiberall die Hirne und Glieder der Menschheit befallt. Der Sieg
allein
wird die pervertierten Beziehungen zwischen den Menschen, Rassen, und
Kontinenten nicht wieder gesunden lassen. Was sollen wir tun, um den' Rest
unserer Lebensspanne immun zu machen gegen diese Epidemie?
Man hat Berlin haufig eine haBliche Stadt genannt. Fur mich war es nicht
hballich. Es war - fUr die Europaer - eine junge und ktihne Stadt. Es hatte
einen besseren Boden fur neue Gedanken als jede andere Stadt in Europa. Es
wa: umgeben von Kiefernwaildern und sanften, vertraumten Seen, und seine
Eommerndchte waren bezaubernd. Seine Menschen schienen nicht anders zu
seiL als andere Menschen.
Was geschah in Berlin, was geschah in Deutschland? Was muB getan
werden, damit ein so schandlicher Verfall eines Landes und seiner Menschen
sich nie und nirgends wiederholen kann?
Frtiher oder spater mussen wir die Antwort finden. Wenn wir sie finden,
wird der Tod dieser Stadt nicht urnsonst gewesen sein.
ALFONS GOLDSCHYIIDT
Verfasser volkerkundlich, wirtschaftlich,  Seiner ,.REISE IN SKANDINAVIEN",
vor
politisch  und  soziologisch  fesseInder  1933 in einer Zeitschrift veroffentlicht,
ent-
Bllcher ilber .,Argentinien" und ,Mexiko";  nehmen wir den folgenden
Abschnitt -
wurde 1933 verfemt und lebte in Mexiko,  eine auflerordentlich tiberraschende
Paral-
wo er vor einigen Jahren gestorben ist. lele zur heutigen deutschen Wirklichkeit:
Als ich, im Januar 1922, nach Oslo fuhr, war fUr den Deutschen die
AuBenwelt noch Schlaraffenland. Wir wissen gar nicht mehr, wie ver-
hungert wir waren. Ein Schweizer Freund sagte mir vor einiger Zeit:
,,Wenn ich dieses Bild zuruckhole, zittere ich, nie hatte ich solche Verelen-
dung fur moglich gehalten." ,,Ein verhungertes Volk", meinte er,
,,ist wohl
der entsetzlichste Anblick." Zum erstenmal seit 1916 fruhstiickte ich
mich
in Malmo satt. Es war oft getraumte Freundlichkeit, heller tYberfluB, end-
lich Warme ins Blut. Wer von uns hatte in den schlimmen Jahren nicht
Sattigungsvisionen ? Wir sprachen ja kaum von etwas anderem und jeder konnte
bittere Hungeranekdoten erzahlen. Nur einmal noch habe ich so gierig ge-


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