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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Karl Grunberg,   p. 53 PDF (369.2 KB)


Page 53


KARL GRUNBERG
1891 geboren, einer kinderreichen sozia-  KZ und betfltigte sich each sem.'
Ent-
listischen Schuhmacherfamilie in Berlin  lassung illegal. In seir~em neuen
Romian
entstammend. Er schrieb u. a. den Kapp-  ,DAS SCIIATTENOUARTETT", im
Grei-
Putsch-Roman: ,,Brennende Ruhr", der  fen-Verlag, Rudolstadt, erschienen,
schil-
in mehrere Sprachen ilbersetzt und auch  dert er das Leiden und Klmpfen von
verfilmt wurde. 1933 wurden seine BElcher  vier aufeinancder folgenden proletarischen
verbrannt; er kam ftir mehrere Jahre ins  Generationen der letzten hundert
Jahre:
Auch bei den Eltern begann ,,das neue Jahr mit neuem Graus!" - Das
gute Weihnachtsgeschaft erwies sich nur ,als das letzte Aufflackern einer
kurzen Prosperitat, dem die Krise auf dem FuBe folgte. Fur die Haussegen
der Mutter - die unsere Haupteinnahmequelle bildeten - fanden sich immer
weniger Liebhaber. Statt mit wohlgefuilltem Portemonnaie kam sie immer
mehr mit den kiagenden Ausspruchen der Leute zurtick, die nun Gegenstand
improvisierter Parteikonferenzen vor dem Werktisch des Vaters wurden.
Mancher arbeitslose Genosse sal3 jetzt stundenlang bei uns, um nicht daheim
in der kalten Wohnung das Gejammer der Frau mit anzuhoren und die fra-
genden Blicke der elenden Kinder sehen zu mtissen. Mancher wurde auch,
wenn er taktvoll gehen wollte, zu einem Teller Mittagessen eingeladen.
An der Tur gab ein Bettler dem anderen die Hand. Drauflen lag tiefer
Schnee, und grimmiger Frost machte die Lage der Arbeitslosen, fair die es
ja keinerlei Notuntersttitzung gab, noch trauriger, von den Obdachlcisen
gar
nicht zu reden. Selten lieB die Mutter einen Hilfesuchenden unbeschenkt
fortgehen; eine Tasse heiBer Kaffee und eine Stulle mit Schmalz war immer
iibrig. Kam einer gerade zur Mittagszeit, so mui3te er mit herein, unseren
kargen Tisch mit uns teilen.
,,Gott soll Ihnen das vergelten", sagte ein alter Mann mit Tranen in
den
Augen, als ihm der Vater nach dem Essen auch noch die ganz gerrissenen
Schuhe flickte. -
,,Da konnte ich lange drauf warten", antwortete sein Wohltater\vdllig
ungertihrt. Anderswo mufiten die Armen fur ihre Bettelsuppen fromme Dank-
sagungen und Erbauungstraktate hinnehmen. Bei dem gottlosen Schuster
bekamen sie als Nachtisch ein Privatissimum fiber den Widersinn und die
Heuchelei der heutigen Gesellschaftsordnung, und den letzten ,,Vorwarts"
oder irgendein Flugblatt noch dazu. Noch sehe ich ihn vor mir sitzen mit
den vor Eifer blitzenden Augen, wie er mit der spitzen Nahahle gestiku-
lierte, um seinen Worten groBten Nachdruck zu verleihen:
... Sehen Sie, lieber Freund, das Wort Gott, das spielt eine Rolle -
aber nicht bei mir. Wenn ich einem was gebe, dann verpumpe ich es nicht,
wie der Fromme, der darauf spekuliert, es diesseits oder jenseits mal mit
Zinsen wiederzukriegen. flicht, weil mir das irgendeine Schrift oder ein
Pastor sagt, sondern weil ich aus Erfahrung weiB, wie weh der Hunger tut,
und weil Arme und Arbeiter sich gegenseitig helfen mussen. Danken
brauchen Sie daftir nicht, aber denken sollen Ste daran, wenn es Ihnen mal
wieder besser geht und an Ihrer Tar ein Armer klopft."
Meine Eltern liefen sich in dieser tUberzeugung auch nicht beirren, als
eines Tages ein Fechtbruder, der wohl auf einen Kuimmelgroschen gerechnet
hatte, die Schmalzstulle an die Tur klebte. Die Mutter kam sogar eines
Abends spat mit einemn Logiergast nach Hause, ein obdachloses Dienst-
madchen, das sie in einer Volkskuiche aufgegriffen hatte. Wo und wie sie
die Nacht bei unseren schon so beengten Verhialtnissen geschlafen hat, ist
mir allerdings ein Rdtsel. -


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