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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Alexander M. Frey,   pp. 46-47 PDF (653.8 KB)


Page 46


belseitegeworfen und durch andere ersetzt worden sind. So sinkt mir der
Mut, vor meinen Mitmenschen als Prophet aufzustehen, und ich beuge mich
ihrem Vorwurf, daB ich ihnen keinen Trost zu bringen weiB, denn das ver-
langen sie im Grunde alle, die wildesten Revolutionare nicht weniger leiden-
schaftlich als die bravsten Frommglaubigen.
Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zt sein, ob und in welchem
Malle es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Storung des Zusammen-
leb3ns durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr
zu werden. In diesem Bezug verdient vielleicht gerade die gegenwartige Zeit
ein besonderes Interesse. Die Menschen haben es jetzt In der Beherrschung
der Naturkrafte so welt gebracht, daB sie es mit deren Hilfe leicht haben,
einander bis auf den letzen Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein
gut Stuck ihrer gegenwartigen Unruhe, ihres Unglticks, ihrer Angststimmung.
Unc: nun ist zu erwarten, daBl die andere der beiden ,,himmlischen Machte",
der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, urn stch im Kampf mit
aeinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten.
ALEXANDER M. FREY
1881 In Mtlnchen geboren, schrleb elnen  Bereichen des Spukhaften und Absonder-
der besten Kriegsromane ,,Die Pilaster-  lichen. Im Exil schrieb Alexander
M. Frey
kisten" von stark paziflatischer Wirkung.  u. a. den Roman ,,Bril, die
ktihne Katze".
Vorher erschienen Romane und Novellen  - Aus einer 1931 im ,Tagebuch"
erschie-
von auderordentlicher Spannung aus den  nenen Betrachtung ,,VEREDELUNG":
Professor Doktor Anton Toneler hat sich an die Spitze eines Aufrufs ge-
Btellt, der die v6lkischen Frauen an die Front holt - als Frauen. Nicht etwa
als Stimmzettel, als Saalfutter bei Versammlungen oder als Aufputsche-
rinnen politisch verschlafener Manner - sondern als Weiber, die nichts so
sehr werden und sein wollen wie MUtter. '
Dutzende von Kiinstlern, von Gelehrten. von Politikern, von Arzten haben
unterzeichnet. Was man hier inaugurierte, ist vielleicht auBerordentIich
ge-
wagt, denn es hebt die Frau Im Staat an elne bevorrechtigte Stelle in einer
Weise, die den bisherigen Wettlauf mit dem Mann bedeutungslos macht.
Dabei betrifft es gerade die schonsten Frauen, die gestindesten, die voll-
kommensten. Von ihnen in erster Linie ist namlich zu verlangen, daB sie
zur Veredelung der Rasse moglichst viele Kinder in die Welt setzen. Es ist
zu verlangen - und es wird akzeptiert! Eine patriotische Welle durchflutet
das Land, deren lichtes Schaumgekrausel jene schonsten Frauen bilden -
selbstverstandlich nur, sowelt sle ganz rasserein sind.
Ja, sie sind bereit, zu gebaren: drei-, funf-, achtmal. Der Staat sorgt far
beste Vor- und Nachbehandlung; einer der unterzeichneten Arzte hat ein
Verfahren ausgebaut, das unliebsame Folgen der vielen Schwangerschaften
keinesfalls aufkommen lMat; die Kinder - die Kinder sind Sbhne und Toch-
ter der Nation; sie nimmt sich in liebevoller Weise der Aufziehung und Aus-
bildung an, die MUtter aber ernten auBer dem Ruhm, der nicht greifbar ist,
einen Ehrensold, der es ist.
Und die Vater zu all diesen Hochherzigkeiten? Sie werden zu Vatern ge-
macht, wie die Manner friiher die Madchen zu Miittern machten.


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