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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Leonhard Frank,   pp. 43-45 PDF (979.8 KB)


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Er stand und ging und arbeitete und sauberte sich sein GelalS, ohne Zwang
und ohne Anteil, und spurte mit entsetzlicher Lust, wie die Flamme tiefer
in sein Inneres fral3. Stundenlang konnte er auf seinem Schemel hocken
oder unter der Filzdecke im Dunkel liegen und einen Satz, einen Gedanken
in sich bewegen. Funfzigmal und fiinfhundertmal konnte er sich stumm
die gleichen Worte wiederholen: Wie kann ein Mensch das tun? Ein solcher
Mensch darf nicht leben. Solch ein Mensch verpestet die Welt!
Aber er wuBte auch, dal der andere bereits nicht mehr lebte. Sein
Urteil war gesprochen. In jener halben Minute war es schwer gewesen, ihn
nicht zu toten. Aber nun war es leicht, nun kostete es gar keine Miuhe mehr,
zu warten, nun lag sogar eine Art von bitterer Wollust darin, den Teufel
unterm  sicheren Beil noch uniherlaufen zu lassen, UbermUtig und   wie
unbedroht.
Nein, er war nicht wahnsinnig geworden In selner Haft. Auch als er
den Goldenen hegte und liebte, war er es ja nicht gewesen. In jedem
Augenblick sah er, was mit ihm vorging: er liebte einen kleinen glanzenden
Kafer, der nichts war und alles bedeutete. Auch jetzt wulte er wohl, daB
nur Geringes geschehen war: jemand hatte ein Insekt zertreten. Klar
hatte er zu sagen vermocht: was da geschehen ist, daB elner einem wehr-
losen Gefangenen die eine, einzige armselige Freude vernichtet, ohne Sinn,
nur urn wehzutun, das ist kein groBes Ereignis. Aber dieses Ereignis be-
deutet alles, was auf der Erde hoffenswert ist, verachtenswert, vertilgenswert.
Niemals ist auf Erden etwas Geringeres, Unbedeutenderes geschehen und
niemals etwas Gr6Beres und Bo3seres und Schauerlicheres. Und wenn ich
diesen Wachter tote, wenn ich diesem Niedrigsten der Niedrigen den gemeinen
Hals zudriucke oder ihm ein Messer in den Schlund stole, so tote ich den
Teufel, so zertrete ich der Schlange den Kopf, und darum muB es ge-
schehen und darum wird es geschehen, und darum wel3 ich nicht und will
ncbt wissen, was jenseits dieser Tat ftir mich liegt, und darum hungere ich
nach ihr und darum giere ich nach ihr, und darum vollftihre ich sie. Amen.
Amen. Amen.
LEON111ARD FRANK
1882 in W1rzburg geboren, schrieb die  drei Mfllionen drei", weltere
Romane und
unvergesliche .,Rauberbande", einen Jun- , Erzathlungen und verflel
dem Bannfluch
gensroman. Frank wurde - unter dem  des Regimes. Im Exil (ir Amerika) lebend,
aufwtlhlenden Erleben des ersten Welt-  schrieb er u. a. den Roman ,,Mathilde",
krieges -  zum  flammenden Bekenner  der bei Simon und Shuster, New York,
einer menschlich-paziflstischen Gesinnung  erscheinen wird. Ein anderes Werk
hei3t:
(,,Der Mensch ist gut"), schrieb ,,Die Ur-  ,Die Traumgefdhrten".
- Die folgende
sache", die Heimkehrernovelle ,,Karl und  Stelle ist in seinem Antikriegspamphlet
Anna", den Roman der Arbeitslosen ,,Von  ,,DER MENSCH IST GUT"
enthalten:
Gegen Abend traf sle im Laden des Kolonialwarenhandlers mit der an der
Ecke wohnenden jungen Arbeiterwitwe zusammen, deren Mann im Lazarett
verendet war.
Die war in den wenigen Monaten eine alte Frau geworden; Ihre Augen,
durch das Weinen blutrot und urn die Halfte verkleinert, glichen nicht mehr
Menschenaugen, sondern furchtbaren Wunden, die sich tief in die Hohlen
hineingefressen hatten. Ihr Mann war erschlagen. Ihre Welt war erschlagen.
Sie war erschlagen. Lebte nicht mehr.
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