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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Eugen Fischer-Baling,   pp. 39-40 PDF (644.8 KB)


Page 39


helten zu sehen war, neben den haubenformigen Kuppen des unvollendeten
Doms und dem    als Monch maskierten Kind d.s popularste Wahrzeichen
MUnchens.
Dieses Zeichen trugen die groBen, blutroten Fahnen der Wahrhaft Deutschen.
Dieses Zeichen malten die Bewohner der bayerischen Hochebene an die
WMnde, vor allem der BedUrfnisanstalten. Trugen es als Busennadel, als
Ring, manche lieBen es sich eintatowieren. Unter diesem Zeichen zogen
die Miinchener zu den Versammlungen Rupert Kutzners. Denn allmontaglich,
zuerst irr. Kapuzinerbrau, dann in den riesigen Biersalen von drei oder vier
anderen Brauereien, sprach der Fuhrer zum Volk.
EUGEN FISCHER-BALING
Professor lEugen Fischer-Baling, 1881 ge-  Gegensatz zu vielen pseudo-wissenschaft-
boren, wirkte von 1909 bis 1913 als Privat-  lichen Bilchern anerkannt wurden,
wid-
dozent fMr Geschichte an der Berliner  mete sich der Gelehrte jetzt der Erfor-
Universitat und wurde nach 1918 zum Ge-  schung der Ursachen des zweiten
Welt-
schiftsfflhrer und Sachverstandigen des  krieges, wie z. B. in seinem im
Wedding
Untersuchungsausschusses der National-  Verlag  erschienenen  Buch  ,,FEINDE:
versammlung und des Reichstages er-  RINGSUM". aus dem wir einen etwas
nannt. Als Verfasser von Werken tiber  gektrzten Abschnitt wiedergeben. Zahl-
die Vorgeschichte, den Verlauf und das  reiche aufklarende Zeitungsaufsatze
stam-
Ende des ersten Weltkrieges (u. a. ,,Die  men aus der Feder dieses bedeutenden
kritischen 39 Tage"), die von der inter-  Gelehrten und Publizisten,
der jetzt als
nationalen Kritik als wissenschaftlich im  Honorarprofessor in Berlin tatig
ist.
Der preuBische Militairgeist war Militarismus. Das bedeutet, daB die Wehr-
macht keiner hoheren nationalen Bestimmung und Aufgabe dienend unter-
geordnet war, sondern daB sie das nationale Leben ihrem Zweck, dem Kriegs-
zweck, unterordnete. In PreuBen wurden nicht die Militarbehorden von den
zivilen, sondern die zivilen von den Militarbehorden iiberwacht. Ein Wort
der
Kritik am Militdr beendete jede staatliche und beinahe auch jede andere
Laufbahn. Es gab nichts darfiber, aber das Militar war fiber allem. Militari-
sches Verhalten und Denken durchzog alle Kreise; der Offizier war das
gesellschaftliche Vorbild. Aus seinem Berufsdenken heraus halt der Soldat
von anderen Machtmitteln, auBer den Waffen, wenig. Folgerichtig galt im
militarischen PreuBen und seit 1871 im Deutschen Reich militarische Macht
fur die einzige politische Realitat. In diese Gesinnung gerieten PreuBen
und
das Deutsche Reich seit Bismarck. Nun hieB es: ,,Die groBen Fragen der
Weltgeschichte werden nicht durch Konferenzen und Mehrheitsbeschltisse
entschieden, sondern durch Eisen und Blut." Ein tragisoher Irrtum! Eisen
und Blut entscheidet Grenzfragen. Eisen und Blut kann Volker unter fremde
Staatsgewalt beugen. Aber wenn das gebeugte Volk sich mit dem Sieger
aussohnen soll, bedarf es freiwilliger Gemeinschaft. Sie entsteht, wenn der
Besiegte im Sieger, der Sieger im Besiegten ein Charaktermerkmal findet,
das er billigt, das er achten und lieben kann. Jawohl, in Aussprachen, am
Konferenztisch*im gewaltigen Bereich nicht der Waffen, sondern des Wortes,
wird solche Gemeinschaft sich kniapfen. Der Blut-und-Eisen-Glaube, der fast
notwendig in eine Macht-vor-Recht-Politik iibergeht, schafft, und wenn er
hundert Jahre im Erfolg zu glanzen scheint, in Wahrheit nichts. Bismareks
Widersacher, ein Ludwig v. Gerlach, ein Virchow, ein Roggenbach, erkannten


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