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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Fritz Erpenbeck,   pp. 37-38 PDF (685.3 KB)


Page 37


b2schrelben irauche. In dem unteren Stockwerk ist heute die Buddenbrook-
Buchhandlung untergebracht, von dem alten Bau hat sich wenigstens das
Vorderhaus und die sch6ne RIokokofassade erhalten. Die BrUder spielten
noch bei der Groltmutter im Hinterhaus, in dem frtiheren Billardsaal der
Buddenbrooks, der damals schon zu einem Speicher heruntergekommen war,
zu einer romantischen, durch Alter und Verlassenheit anziehenden, durch
gespenstisches Dielenachzen grauenerregenden Ruine, wie sie noch die beiden
Prinzenkinder in ,,Kinigliche Hoheit" mit sch6nen   Schauern  erschreckt.
Man muBte sich nun vorstellen, wie zwei Brtider und kiinftige Dichter,
wenn sie auch spater in einige Meinungsverschiedenheiten gerieten, in dieser
besonders marchenhaft ausgestatteten Kindheit ihre Traume versponnen
haben. Aber ich habe schon gesagt, daB Heinrich vier Jahre ailter war, so
daB sich eine unabsehbare Distanz zwlschen die beiden Knaben legte,
etwas vergr613ert noch durch die Mannsche FamilienspTddigkeit und dann
noch einmal durch die kahle t~berlegenheit des Alteren, die nicht einmal
ein Aufsichtsrecht oder sonstige patriarchalische Autoritat in Anspruch
nahm. Zwischen den Brildern Mann sind nicht einmal Prilgel, sind jahrelang
kaum Worte ausgetauscht worden, obgleich sie als Kinder in demselben
Zimmer schliefen.
FRITZ ERPENBECK
1897 in Mainz geboren, war zungchst  Roman ,,Emigranten". Er war Redakteur
Schlosser. Er war Weltkriegsfreiwilliger;  der Literaturzeitschrift ,Das
Wort", be-
nach dem Krieg nahm er Schauspielunter-  trieb  theaterwissenschaftliche
 Studien,
richt und kam nach Jahren wechselnder  schrieb Romane, Novellen, Essays und
Engagements ans Lessingtheater und spa-  arbeitete fMr Rundfunk und Presse.
Seit
ter als Dramaturg zu Piscator. Er wurde  1945 ist Erpenbeck wieder in Berlin,
wo
Journalist und gab die politisch-satirische  er als Theaterkritiker beim
,,Vorweirts"
Zeitschrift ,Roter Pfeffer" heraus. 1933  und  als Herausgeber der Zeitsehrift
zunachst noch einige Monate illegal in  ,,Theater der Zeit", der wir
den folgen-
Deutschland, ging er spaiter nach Prag  den Beitrag entnehmen, eine vielfailtige
und dann nach Moskau. 1937 erschien sein  schriftstellerische Tatigkeit entfaltet.
...Jeder Humor lebt von dem Widerspruch zwischen Wesen und dulherer
Form, zwischen Sein und Schein. Selbst der platteste Kalauer beruht, wie
man leicht nachpriifen kann, letztlich auf diesem Widerspruch.
Nun ist fUr uns Deutsche - historisch nachweisbar und unschwer zu be-
gruinden - eine nationale Eigenschaft charakteristisch: unsere Neigung zur
Flucht aus der Realitat in den ,,sch6nen Schein". Wir sind nicht zufallig
das
Volk der grol3en idealistischen Philosophen. Wahrend andere V61ker in ihrer
Geschichte die grollen politischen Taten vollfihrten, stellten wir die ,,Dichter
und Denker" grol~er Taten. Wahrend beispielsweise Frankreich durch seine
Revolution von 1789 praktisch die Gedankenfreiheit seines Bdrgertums er-
kampfte, liel3 Schiller seinen Masquis Posa in schwungvollem Idealismus der
Tyrannei die Forderung, nein, die (nattirlich vergebliche) Bitte entgogen-
schmettern: ,,Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!" Wir Deutsche demonstrieren
in unserer Geschichte schon seit Jahrhunderten praktisch den Widerspruch
zwischen Sein und Schein. Wir erfullen demnach als Obiekt die Grundbedin-
gung alles Komischen in vielfacher Hinsicht. Und da sollte bei uns als Subjekt
der Sinn fUr das Komische entwickelt sein? Das ware wahrlich zuviel ver-
iangt. Kein Zufall, dalB Friedrich Schiller, den die breiten Massen unseres


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