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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Carl Einstein,   p. 35 PDF (310.5 KB)


Page 35


Die Erde: elne ilberaus sparsame Hausfrau, die keinen ihrer Kilchenreste
ungenutzt laBt - aus dem Mull von heute iibertreibend den Hans MUller
von morgen formnt,
Sle sind gekommen all diese R6ntgen, Ehrllch, Edison, Einstein, Gaillel,
Wright, Fulton. Aber solange die Staaten ohne Sinn fUr irgendeine tiefere
menschliche Gemeinschaft ohne Gemeinsinn ihre Mittel zur Kriegfuihrung
verwenden und nicht zur besseren Kindererziehung, zur Herstellung von
Idiotischen Panzerschiffen und nicht zum Kampf gegen Tuberkulose, Geschlechts.
krankheiten und aberglaubisch religiose Hirnerkrankungen, insolange ist der
altruistische Aufmarsch von Kant, Schopenhauer, Balzac, Beethoven, Shake-
speare, Euripides, Goethe, Darwin, Marx nutzlos, verpuffter Aufwand. Denn
an die heutige Menge dringt nur die billigste Nutzanwendung jedes Genies:
das Wort des groBten Dichters ereilt sle nur im versttilmmelten Zitat des
achalsten Reporters, Lionardo in einem kitschigen Mona-Lisa-Film. Der
Druck wurde keineswegs fMr die Bibeln und Evangelien der Menschheit
erfunden, sondern fUr die Hiobsbotschaften der Zeitungen uAd die Akt.
fotografien der Magazine.
CAILL EINSTEIN
Herausgeber des celnerzeit Innerhalb der  der Deutschen In Frankreich durch
Selbst-
Propylien - Kunstgeschichte erschienenen  mord. - In einem vor 1933 erschienenen
Bandes l1ber den Expressionismus. Er  ,,Europa"-Almanach findet sich
ein ESSAY
schrieb  hervorragende  kunsthistorische  flBER DEN MALER UTRILLO, aus dem
Essays und endete 1940 beim Einmarsch  wir hier einen Abschnitt wiedergeben;
Utrillo malte und trank auf der Butte Montmartre, und die Kneipwirte
verkauften ihm gegen Bilder Alkohol. Da die Bilder ihres Gastes allmahlich
gesucht wurden, begannen sle ahnliche zu malen, so gut und so schlecht
es gehen wollte. Hauptsache, die Signatur. Man unterscheidet bei Utrillo
vier
Perioden: 1903-1905 arbeitete er nach der Natur (naturalistisch); 1905-1907
unter dem EinfluB Monets und Sisleys, 1907-1910 die weifle Zeit und danach
die
koloristische. 1909 stellte er im Salon d'automne aus. 1912 In den Indepen-
dants. Seit dieser Ausstellung ist Utrillo bekannt und geschatzt. In ge-
schlossenen Anstalten war er funfmal zwischen 1910 und 1919. Auf den Pariser
Polizeibiiros ist er bekannt.
Wie Lautrec blieb er vor allem auf Montmartre; aber er saB nicht wie der
grf Fliche Kruippel in den Bars und Ballhiiusern- er besah sich Straien
und Hauser und kletterte hoher als Lautrec, dem der Weg zur Butte be-
schwerlich war. Was Lautrec die Goule, Jan Avril, Valentin le Desosse und
Chocolat waren, das galten Utrillo die Rue Saint'Marie, die Place de Tertre,
Moulin de la Galette und alle Ecken, Pldtze und Straien des Montmartre.
Aber es ist durchaus falsch, Utrillo als Maler des Montmartre festzulegen.
Man braucht nur an seine wundervollen Kathedralen von Rouen zu denken,
da er als junger Mann bereits die Bilder Monets wohl iibertrifft, an seine
Arbeiten aus Korsika, dem Jura und so fort. Elnes ist wunderbar an Utrillo:
wie er seine Hauser, seine Strale baut. Hierin unterscheidet er sich von
jedem Impressionisten von Beginn an.


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