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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdrückt
([1947])

Alfred Döblin,   pp. 32-33 PDF (688.0 KB)


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Aber vom Familleninteresse lMMt sie sich binden, von der Wirklichkelt,
die vor ihren Augen schwimmt. Kaum mitberuzhrt, nicht aufbegehrend, hat
sie die Tragodie ilhrer Schwester angesehen, die nach einemr kurzen Jahr
der aufgezwungenen Ehe stirbt, hat sie ihre andere Schwester, ein bisher
immer heiteres Kind, erstarrt and zum Erschrecken verwandelt, in die
Hochzeitskutsche steigen sehen, um dem gierigen, finsteren, doppelt so alten
Mann, dem   Kammerprasidenten von Kalb, Goethes Vorganger im       Wei-
marer Amt, mit ihrer Person die schonen Eesitzungen zuzuftihren. Kalb
wtinscht noch mehr, wtnscht Uber die reichen Gilter allein zu verftgen. Dazu
braucht er die eheliche Verbindung seines Bruders, der aus dem ameri-
kanischen Feldzug zurtickgekehrt ist, mit seiner Schwagerin Charlotte. Sie
gibt widerstandslos dem Major von Kalb ihre Hand, einem Ubrigens braven,
weltgewandten, in nichts hervorstechendem, in nichts ihr zugehorigen Mann.
DaB sie ungliicklich wird, versteht sich von selbst.
ALFRED DOBLIN
1878 in Stettin geboren, vor der Hitler-  Oberst, als Herausgeber der In
Lahr er-
herrschaft als Kassenarzt im  Berliner  scheinenden Monatsschritt fAr Literatur
Osten tdtig, errang semen grol3ten Erfolg  und Kunst ,,Das goldene Tor".
Im Exil ent-
mit dem   spdter verfilmten  Roman:  standen u. a.: ,,Babylonische Wandertng",
,,Berlin Alexanderplatz". Vorher sehrieb  Pardon wird nicht gegeben",
Jildische
er u. f.: ,,Die drei Sprllnge des Wang-  Eresug  Esa) ,lch     n   am
Inn", ,-Wadzeks Kampf mit der Dampf-  Erneuenung (Essay), ,Flucht und
Samm-
turbine", ,Wallenstein', ,Berge Meere  lung des Judenvolkes" (Essay),
,,Der un-
und Giganten". Daneben  war er viel-  steibliche Mensch", ,,Land
ohne Tod",
seitig publizistisch tatig: seine Bgcher  ,ilamlet". ,,Der Oberst und
der Dichter".
und Schriften wurden veibrannt; er ginig  Aus dem Roman: ,,IERLIN ALEXANDER-
Ins Exil und wiikt heute, franzosischer  PLATZ", der bei S. Fischer
erschienen ist:
Viehmarkt Auftrieb: Schweine 11 543, Rinder 2016, Kalber 1920, Hammel
4450.
Was tut aber dieser Mann mit dem niedlichen kleinen Kilbchen? Er fahrt
es allein herein an einem Strick, das ist die Riesenhalle, in der die Stiere
brillen, jetzt flihrt er das Tierchen an eine Bank. Es stehen viele E3nke
nebeneinander, neben jeder liegt eine Keule aus Holz. Er hebt das zarte
KEibehen auf mit beiden Armen, legt es hin auf die Bank, es lalt sich ruhig
hinlegen. Von unten faft er noch das Tier, greift ruit der linken Hand ein
Hinberbein, damit das Tier nicht strampeln kann. Dann hat er schon den
Strick gefal3t, mit dem er das Tier hereingeftihrt hat und bindet es fest
an
die Wand. Das Tier hangt geduldig, es liegt jetzt hier, es weilB nicht, was
geschieht, es liegt unbequem auf dem Holz, es stoilt mit dem Kopf gegen
einen Stab und weiBl nicht, was das ist: das ist aber die Spitze der Keule,
die an der Erde steht und mit der es jetzt bald einen Schlag erhalten wird.
Das wird seine letzte Begegnung mit dieser Welt sein. Und wirkltch, der
Mann, der alte einfache Mann, der da ganz allein steht, ein sanfter Mann
mit einer weichen Stimme - er spricht dem Tier zu - er nimmt den Kolben,
hebt ihn ein wenig an, es ist nicht viel Kraft notig fur solch zartes Geschopf,
uncl legt den Schlag dem zarten Tier in den Nacken. Ganz ruhig, wie er das
Tier hereingefttlrt hat und gesagt hat: nun lieg still, legt er ihm  den
Schlag in den Nacken, ohne Zorn, ohne grolie Aufregung, auch ohne Wehmut,
nein so ist es, du bist ein gutes Tier, du weilit ja, das muB so geschehen.
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