University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
Link to University of Wisconsin Digital Collections
The History Collection

Page View

Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Walter Benjamin,   p. 18 PDF (355.8 KB)


Page 18


,,Gut - bleib nicht so lange, Kind. Du brauchst Ruhe", sagte von Porten,
,,du hast schwer gearbeitet."
Clarissa lachte. ,,Ich habe nur ein paar Tonnen Hiihnerschmutz zusammen-
gekratzt. Das ist angeblich die leichteste Arbeit. Es hat mir SpaI3 gemacht,
wirklich." Ihre Stimme war beinahe schrill, so muhte sie sich, munter
zu
erscheinen, und von Porten drtickte noch einmal leicht ihre Schulter, bevor
er
seine Taschenlampe herausnahm.
WALTER BENJAMIN
Einer der In Deutschland noch so gut wle  1940 floh er Uiber die spanische
Grenze
unbekannten groilen Essayisten des deut-  und endete dort nach seiner Verhaftung
schen Sprachbereichs, vor 1933 Mitarbeiter  durch Selbstmord. - In einem
1927 in der
der ,,Literarischen Welt' und Verfasser  ,Literarischen Welt" erschienenen
Essay
eines gedankenreichen Bandes ,,Einbahn-  Benjamins finden sich die folgenden
Sdtze
"straBe". Er ging 1933 ins Exil; im Herbst  Uber GOTTFRIED KELLERS
HUMOR:
Das leiser und melodischer gestimmte Lachen Kellers ist In den irdischen
Gew6lben so gut zu Hause wie In den hinimlischen das des Homer. Man hat
aber noch jedesmal erlebt, daB man zu einem grolen Autor sich den Zu-
gang verbaut, wenn man davon ausgeht, er sei Humorist. So ist auch Kellers
Humor nicht goldene Politur der~ Oberflache, sondern der unberechenbare
Anlageplan seines melancholisch-cholerlschen Wesens. Dem folgt er in den
bauchigen Arabesken seines Vokabulars. Und wenn er vor den btirgerlichen
Satzungen Respekt bekundet, so hat er ihn in der Willkurwelt des Innern
erlernt, und Kellers leidenschaftlichster Affekt, die Scham, liegt beiden
zu-
grunde. In seiner Weise ist der Humor eine Rechtsordnung. Er ist die Welt
der urteilslosen Vollstreckung, in der Verdikt und Gnade im Gelachter laut
wird. Das ist der ungeheure Vorbehalt, aus dem Kellers Schweigen und Dich-
ten beredt wird. Von Fnede, Urteil und Verurteilung hat er wenig gehalten
-
wieviel erst von moralischer, das sagen die SchluBworte jener Liebesnovelle.
Dem zum Denkmal hat er Seldwyla erbaut am Suidabhange jener Hilgel
und Walder, an deren nordlichem die Stadt Ruechenstein liegt, deren Be-
wohner ,,zu thren Hinrichtungen, Verbrennungen, Schwemmungen ein wind-
stilles, freundliches Wetter liebten", daher dort ,,an recht schonen
Sommer-
tagen immer etwas vorging". Es war ihm ausgemachte Sache, ,,daB wohl
eine ganze Stadt von Ungerechten und Leichtsinnigen zur Not fortbestehen
kann im Wechsel der Zeiten..., daB aber nicht drei Gerechte lang unter
einem Dach leben konnen, ohne sich in die Haare zu geraten". Die suie,
herzstdrkende Skepsis, die unter angelegentlichem Schauen reift und wie ein
starkes Arom aus Menschen und Dingen des liebenden Betrachters sich
bemachtigt, ist nle in eine Prosa wie in Kellers eingegangen. Sie ist von
der
Vision des Glucks untrennbar, die diese Prosa realisiert hat. In ihr - und
das ist die geheime Wissenschaft des Epikers, der allein das Glick mitteilbar
macht - wiegt jede kleinste angeschaute Zelle Welt soviel wie der Rest
aller Wirklichkeit. Die Haa4d, die in der Schenke so dr6hnend aufschlug,
hat
Im Gewicht der zartesten Dinge sich nie vergriffen. Abwagend Laut- und
Sachgewichte zu verteilen, ist noch das Werk des Kanzleideutsch, das hin
und wieder sich, umstandlich breit macht. Ein Loffel Suppe in der Hand des
rechtschaffenden Mannes wiegt, wenn's drauf ankommt, das Tischgebet und
Seelenheil im Munde des Gauners auf. ,,Martin Salander befolgte in allen
Lagen seines Lebens, wo eine Suppe vorkam, die Angewohnung, ohne Ver-
zug mit dem Genusse derselben zu beginnen, sobald er sie Im Teller hatte."


Go up to Top of Page