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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Johannes R. Becher,   p. 15 PDF (289.5 KB)


Page 15


JOIHANNES R. BECHER
1891 in Mtlnchen geboren, Becher gehtrt zu
den groBen deutschen Lyrikern der Gegen-
wart. Seine frllhesten Werke, expressio-
nistisch und revolutionar, erschienen wlih-
rend des ersten Weltkrieges (,.An Europa",
,,Verbrtiderung", ,,Pdan gegen die Zeit");
auch in der lyrischen Anthologie ,,Mensch-
heitsddimmerung" war Becher vertreten.
Viele weitere B.lcher folgten bis 1933. Den
Nazis wegen seiner linksrevolutioniren
Gedichte, Reden und Schriften tief ver-
hadt, muBte Becher, dessen Blicher ver-
brannt wurden, emigrieren (Frankreich,
spdter Rulfland). Er kehrte 1945 zurlck,
wurde Prasident des Kulturbundes und
entfaltet elne vielseitige literarlsche und
publizistische Tdtigkeit. Seine zahlreichen
in der Emigration geschriebenen, nichts
mehr vom Expressionismus seiner Frllh-
zeit verratenden Gedichte und Balladen.,
gebdtndigt in der Form, eine ganze Reihe
von Banden umfassend, sind im Aufbau-
Verlag, Berlin, erschienen. Becher hat
auch eine lesenswerte Schrift tber den
Begriff der Freiheit geschrieben. Aus
seinem seinerzeit in der Emigration er-
schienenen Versband ,,Der Gltlckssucher
und die sieben Lasten" bringen wir das
Gedicht ,.TRANEN DES VATERLANDES",
charakteristisch fUr Bechers neue Lyrik.
I
O Deutschlandl Sagt, was habt aus Deutschland ihr gemachtl
Ein Deutschland stark und frell Ein Deutschland hoch in Ehren?l
Ein Deutschland, drin das Volk sein Hab und Gut kann mehrer,
Aul aller Wohlergehn fst jedermann bedacht?l
Erinnerst du dich noch des Rufs: ,,Deutschland erwachtflr
Als wiirden sie dich bald mit Gaben reich bescheren,
So nahmen sie dich efn, die heute dich verheeren.
Geschlagen bist du mehr denn je in einer Schlacht.
Dein Herz ist eingeschrumpft. Deln Denken ist miBraten.
Dein Wort war Lug und Trug. Was ist noch wahr und echt7l
Was Luge noch verdeckt, entbloBt sich in den Taten:
Die Peitsche hebt zum Schlag ein irrer Folterknecht,
Der Henker wlscht das Blut von seines Belles Schneide -
O wieviel neues Leid zu all dem alien Lefdel
1I
Du mdqhtig deutscher Klang: Bachs Fugen und Kantatenl
Du zartes Himmelsblau, von Grunewald gemaltl
Du Hymne Holderlins, die feierlich uns strahiti
O Farbe, Kiang und Wort: geschdndet und verraten!
Gelang es euch noch nicht, auch die Natur zu morden?l
Zieh'n Neckar und der Rhein noch immer ihren Lauf7
Du Spielplatz meiner Kindheit: wer spielt wohl heut darauf?
Schwarzwald und Bodensee, was 1st aus euch geworden7
Das vierie Jahr bricht an. Um Deutschland zu beweinen,
Stehn uns der Trdnen nicht geniigend zu Gebot,
Da sich der Trdnen Laul In soviel Blut verliert.
Drum, Trdnen, haltet still! LaBt uns den aHaB verelnen,
Bis stark wir sind zu kitnden: ,,Zu Ende mit der Notl
Dann: Farbe, Klang und Wortl Gldnzt, drohnt und jubilierti


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