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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Ernst Barlach,   p. 14 PDF (308.2 KB)


Page 14


Streben, den Stolz der Persfnllchkeit, das GlUck der begrenzten Form zu ver-
binden mit der frommen Hingabe an das HOchste, Unbekannte, an Menschheit,
Welt, Gott.
Das Innerste und Hdchste dieser Tradition scheint mir in der Gestalt Goethes
Zu leben. Sein Bild wachzuhalten, ist nicht nur Dank gegen die Vergangenheit,
sondern auch Pflicht gegen die Zukunft. Das mag das Neuerscheinen dieses
Buches rechtfertigen, das ich heute meinem alten und meinem neuen Land
widme.
ERNST BARLACH
Geboren 1870 in Wedel In Holstein, gleich  Hungertod preisgegeben; er starb
wah-
bedeutend als Bildhauer wie als Drama-  rend der Nazizeit. Ein deutscher
Verleger
tiker, wurde durch die vom Schwarzen  wird eine Ausgabe seiner Briefe ver-
Korps erdffnete Hetze ein Opfer des  anstalten; eine Barlach-Gesellschaft
wurde
Dritten Reiches. Die Auffllhrung seiner  gegrtndet. -  tVber seine Anfange
be-
StUcke (,,Der arme Vetter", ,Die echten  richtet er in seinem vor 1933
bet Paul
Sedemunds", .,Der blaue Boll', ,,Der tote  Cassirer, Berlin, erschienenen
Werk ,,EIN
Tag" und ,,Die Stndflut") wurde unter-  SELBSTERLEBTES LEBEN",
das zu-
sagt, und als Bildhauer zahlte man ihn  gleich eine gute Vorstellung von
Barlachs
su den Entarteten. Barlach wurde dem  eindringlichem Prosastil vermittelt.
Hatte ich etlentlich Talent? Mein erster Zeichenlehrer In Hamburg war
eln regelrechter Original-Germane, Herr Woldemar, der Dine, Schiller Thor-
waldsens, wie es hieB, ein zelotischer Herr, den sein Zorn in heftig hin-
schielender Fahrt erhielt, ein gewohnheitsmaBiger Zorn. Selbst wenn das
Zetern einmal aussetzte, schien das abgeschnurte Pfauchen sich im Unter-
kiefer zu verkrampfen und der dranhangende Beberbart kochte dazu. Immer
war Woldemar bereit, sich In Berserkerel zu sturzen, immer bereit, zu er-
schlagen und zu stelnigen. Ein Machtbold, der in Furcht und Zittern des
Gesindes die Bestatigung seines Wertes sah. Er riet mir beim ersten Blick
auf mein Zeichenbrett in der ersten Stunde, nur gleich meine Miuhe ein-
zustellen, ich wurde niemals was Rechtes zustande bringen - schnaufte noch
Wa3 Hohnisches aus den Nasl6chern dazu und kehrte sich ab.
Aber ich folgte nicht, sondern erzwang in einem langen Kampfe seinen
endlichen, herzlich widerwilligen Beifall. Nein, es war wohl kein Talent,
was
da In mir stak. Ein aussichtsarmer Gehorsam rieb sich auf in blindem Tun,
und Ich konnte nicht folgen, nicht, well ich mir gesagt hitte, daB man Herrn
Woldemar als einem geringen Gott keinen Gehorsam schuldig set, sondern
well solches Folgen, verbissen wie ich mich hatte, schon sehr bald nicht
milehr zur Wahi stand.
Ich war in eine Zeit geraten, die fair mich kein f8rderndes Beispiel fibrig
hatte, es war wohl wirklich Erbieten und Erwarten zwischen uns unnotig;
ohne es zu ahnen, stand ich nackt und bloB in einer ungeheuren Elndde und
konnte selbst zusehen, wie ich's treiben wilrde, stand und hatte kein Arg
oder Scheu, versah mich keiner Probleme und zog, schneckengleich wohnend
tin kleinen Kaimmerchen des willenlosen Gehorsams, unbewuBt des Weges
zum unbekannten Ziel.


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