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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Julius Bab,   pp. 13-14 PDF (682.2 KB)


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JULIUS BAB
1880 in Berlin geboren, elner der bekann-  nach den USA, wo er heute noch
lebt.
testen Berliner Theaterkritiker vor 1933  Das folgende Vorwort, das uns Julius
(,,Wege zum Drama", ,,Neue Wege zum  Bab zur Verfligung gestellt hat,
ist der
Drama"), Verfasser einer Dramaturgie fUr  in Vorbereitung befindlichen
neuen Auf-
Schauspieler ,Der Mensch auf der B:1thne"  lage des Buches ,,DAS LEBEN
GOETHES"
und wertvoller Biographien tiber Bernard  entnommen; das Buch wird im Verlag
Shaw und Albert Bassermann, emigrierte  von Erich Weibezahl, Leipzig, erscheinen.
DaB der Verfasser dieser Zeilen auf amerikanischem Boden, fern der Stadt
New York schreibt, und daB er seit geraumer Zeit amerikanischer Staats-
burger ist - das mag zunachst eine private Angelegenheit sein. Aber sie
gewinnt doch ohne weiteres symbolische Bedeutung fir die ungeheuren Vor-
gange, die seit dem letzten Erscheinen dieses Buches vor 15 Jahren die Welt
erschultterten. Dieselben Krafte, die diesen sehr tief mit dem Reich der
deut-
schen Sprache Verwachsenen von seiner Heimat gewaltsam losrissen - die-
selben Krafte sind es ja gewesen, die Strome von Blut und Mord Uber Europa
laufen lieBen, und die schlieBlich Deutschland bin an den Rand der letzten
Vernichtung gefuhrt haben. Die Zerstorung ist ganz gewiB nicht nur eine
materielle - unendlich viel an geistigem Besitz, an seelischem Rang, an
kultureller Tradition ist in dem Lande Goethes vernichtet worden. Aber auch
wen die blutigen Messer dieser Jahre fiir immer von Deutschland abgeschnitten
haben - auch der wird nicht wagen, eine Wiederauferstehung des deutschen
Geistes fUr undenkbar zu halten. Er muB sich erinnern, dall hundert Jahre
nach der ahnlich vollkommenen Zerstorung des Dreilfigjahrigen Krieges Goethe
geboren wurde, und daB in einem Lande, das noch immer sehr arm und politisch
ganz machtlos war, sein weltwichtiges Wesen reifte. Wir haben einen furcht-
baren Riickschlag gegen das Zeitalter der deutschen Humanitat erlebt, in
dessen Mitte die Gestalt Goethes erschien - aber wer will sagen, ob Armut
und Machtlosigkeit, wie sie Deutschlands nachsten Generationen gewiB er-
scheint, im Innersten dieses rtaselhaften Volkes nicht einen Geist reifen
lassen,
fahig, das grolle Erbe der Klassik aufzunehmen?
So ist es wohl nicht sinnlos, in deutscher Sprache ein Buch erscheinen zu
lassen, das ein Menschenwesen darstellen will, das freilich einen sehr viel
weiteren Kreis angeht als den Deutschen. Die innerste Meinung dieses Buches
war ja, darzutun, dal3 Goethe - und zwar durch die Ganzheit seines Lebens
viel
mehr als durch irgendeine seiner groBartigen AuBerungen-eine Harmonie ver-
korpert, um die das Abendland mehr als ein Jahrtausend erbittert gerungen
hat.
In solchem Sinne wagte ich von Goethe als dem ,,Aufgang des Abendlandes"
zu
sprechen. Die Gesamtheit der abendliandischen Kultur scheint nun freilich
durch die Krise dieser furchtbaren Jahre in Frage gestellt. Aber noch ist
dieser Kampf, der schicksalvollste unserer Zeit, nicht verloren. Es ist denk-
bar, daB das gro~e Land, in dem ich jetzt lebe, diese Gesamtkolonie aller
europaiischen Lander, Europa mit seiner jungen Kraft stUtzen wird, und dal3
es, die alten Sitze des Abendlandes kraiftigend, selbst Heimat schopferischen,
abendlaindischen Geistes wird. Seit vor bald 100 Jahren Walt Whitman zum
ersten Male das Amerika ,,ohne Ritter-, Rauber- und Gespenstergeschichten"
sprechen lieB - seitdem ist Hoffnung, daB sich Goethes sehr ernst gemeintes
,,Amerika, du hast es besser" erfullen konnte. Wenn namlich die Kraft
seiner
Urwailder einstromt in die groBe Tradition des Abendlandes, die groee Tra-
dition, die nicht in Gottermythen und Rittersagen besteht, sondern in dem
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