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The History Collection

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Drews, Richard; Kantorowicz, Alfred, 1899- (ed.) / Verboten and verbrannt, deutsche Literatur 12 Jahre unterdr├╝ckt
([1947])

Kantorowicz, Alfred
Am 10. Mai 1933...,   pp. 6-[10] ff. PDF (1.7 MB)


Page 6


Am 10. Mal 1933 ...
Am 10. Mai 1933 flammten auf dem Opernplatz zu Berlin und auf vielen
6ffentlichen Platzen der Haupt- und Universitatsstadte des Reiches Scheiter-
haufen, in denen Biicher verbrannt wurden. Das war kein ,spontaner Akt"
einer unverniinftigen Menge gewesen, sondern eine wohluberlegte und sorg-
faltig organisierte Veranstaltung nationalsozialisltischer Staatsraison.
Wie die
Reichstagsbrandstiftung am 28. Februar 1933 das Fanal des Terrors gegen
alle Antifaschisten, der Judenboykott vom 1. April 1933 der Auftakt der Po-
grome, die Auflosung und Ausraubung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933
die Proklamierung der sozialen Unterdruckung gewesen waren, so waren die
Autodafes vom 10. Mai der sichtbare Beginn der amtlich verfuigten und
mit terroristischen Mitteln durehgefiihrten Entgeistigung und Barbarisierung
Deutschlands. Der Dr. Goebbels bezeichnete die BEicher, die an diesem Tage
In die Flammen geschleudert und von diesem Tage an auf den Index der im
Dritten Reich verbotenen Druckschriften gesetzt wurden, als ,,Schmutz- und
Schundliteratur".
,,Schmutz und Schund" - das waren die Werke von Heinrich Mann und
Thomas Mann, Sigmund Freud und Einstein, Marx und Lenin, Voltaire und
Heine, Romain Rolland und H. G. Wells, Barbusse und Gorkij, Upton Sinclair
und Scholochow, Selma Lagerl6f und Helen Keller, Jaroslav Hasek und Martin
Andersen-Nexo, Carl von Ossietzky und Ernst Toiler, Karin Michaelis und
Arnold Zweig, der GroBteil der zeitgen6ssischen Literatur von Weltgeltung
und ein wesentlicher Tell der Klassiker der europaischen Literatur und Philo-
sophie seit den Tagen der Aufklarung.
Das Todesurteil gegen die deutsche Literatur (die diesen Namen verdiente),
das die Nazis am 10. Mai 1933 proklamierten, wurde in absentia vollstreckt.
Geist und Kultur waren dem plumpen Zugriff des Abhubs der menschlichen
Gesellschaft entzogen; sie waren in die Katakomben gegangen oder sic hatten
auf~erhalb der deutschen Grenzen ein Refugium gesucht, innerhalb der deut-
schen Grenzen aber ein Inneres Refugium in den Herzen und im Verstande
des besseren Teiles der Deutschen gefunden. Nur an einigen wehrlosen
Leibern tobte sich das Delirium der Barbaren physisch aus: den Dichter
Erich Muhsam haben sic im Konzentrationslager erschlagen und aufgeknuipft,
den Professor Theodor Lessing haben Gestapo-Handlanger ermordet, Carl
von Ossietzky, den Unvergelflichen und Unsterblichen, haben sie bis zu
seinem Tode gemartert. Die Schriftsteller Kurt Tucholsky, Ernst Toller,
Walter Hasenclever, Ernst WeiB, Walter Benjamin, Carl Einstein, Stefan
Zweig und andere sind aus Abscheu und Furcht vor der zerstorerischen Ge-
walt der Barbaren in den Tod gegangen. Hier im Lande sind Manner wie
Adam Kuckhoff und der junge Haushofer als Soldaten im einzig gerechten
Kriege gegen die Tyrannen gefallen. Manner wie Ernst Wiechert und Gunther
Weisenborn, Karl Schnog, Ernst Niekisch haben lhre mutigen Bekenntnisse
zur Kultur und zur Freiheit der Worte und Gedanken in den Konzentrations-
lagern mit ihrer Gesundheit, ja, beinahe mit ihrem Leben bezahlen mussen.
Aber alles in allem an die 250 Schriftsteller deutscher Zunge haben bet-
zeiten den Machtbereich der Barbaren verlassen. Die in der Welt geachtet-
sten und bekanntesten Namen der zeitgenossischen Literatur sind ihnen zuzu-
zahlen. Sie und mit ihnen Tausende deutscher Wissenschaftier (Nobelpreis.
trager unter ihnen), Kiinstler, Musiker im Exil haben den deutschen Geist,
die deutsche Kunst und die deutsche Literatur vor der Welt und in der Welt
wiirdig reprasentiert. Ihr Kampf und ihre Werke trugen dazu bei, die Kultur-


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