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Wisconsin Workshop (6th : 1974 : Madison, Wis.) / Realismustheorien
(1975)

[Introduction] Einleitung,   pp. 7-15


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Und damit beginnt erst jene wirkliche Brisanz, die heute mit dem 
Begriff >Realismus< verbunden ist. Früher hörten sich solche
Diskus- 
sionen noch relativ harmlos an. Doch heute fragt man sich immer 
wieder: Ist nun Realismus etwas im Prinzip Fortschrittliches oder 
Regressives, etwas Kritisches oder Verschleierndes? Denn das Ein- 
treten für die Realität als solche sagt ja schließlich noch
nicht viel aus. 
Den Ausschlag gibt, auf welche Art der Realist realistisch ist. Spie- 
gelt er die Wirklichkeit bloß wider oder hält er ihr den Spiegel
vor? 
Verharrt er quietistisch vor der konkreten Gegebenheit oder will er 
unmittelbar auf sie Einfluß nehmen, sie ummodeln, sie verändern?
Begnügt er sich mit der Realität, indem er sie idyllisch schildert,
oder 
versucht er satirisch auf sie einzuwirken? Auch der Realismus, der 
auf den ersten Blick so fraglos ins Progressive tendiert, wird damit 
zu einer ideologischen Entscheidungsfrage. Denn selbst als Realist 
kann man ebensogut fortschrittlich wie regressiv sein. Nicht einmal 
hier gibt es die vielberufene >Objektivität<. Realismus - und
mögen 
wir alle im Banne des hermeneutischen Zirkels etwas Ähnliches, 
nämlich >Wirklichkeitsnähe<, darunter verstehen - ist letztlich
ein 
weltanschauliches Problem. Was, so lautet die Frage, machen wir 
mit dieser Wirklichkeitsnähe? Wie beurteilen wir sie? Benutzen wir 
den Realismus zu einer unmittelbaren Konfrontation mit dieser 
Wirklichkeit oder nur zur Verteidigung des Bestehenden? 
Offenbar gibt es einen Realismus der Aufklärung und einen Realis- 
mus der Verklärung, einen Realismus der Satire und einen Realismus 
des Idylls, einen Realismus des Angriffs und einen Realismus der 
Verteidigung, einen weltverändernden Realismus und einen welt- 
bewahrenden Realismus, der freilich ein pragmatisch-realpolitisches 
Eingreifen keineswegs ausschließt. Daß man heute im Westen unter
>Realismus< vor allem den Realismus des späten 19. Jahrhunderts
versteht, der weitgehend ein bürgerlicher und poetisch-verklärender
war, beweist bereits, wofür man sich hier ideologisch entschieden 
hat. Denn schließlich gab es selbst im 19. Jahrhundert auch einen 
anderen, einen wesentlich schärferen, riskanteren Realismus, der in
den letzten zehn Jahren wieder verstärkt ins Bewußtsein getreten
ist. 
Schließlich schrieben schon damals nicht nur bewahrende, sondern 
auch bewegende Realisten, die aufgrund ihrer Wirklichkeitsnähe 
ständig mit Zensur, Verfolgungen oder Aufführungsverboten zu 
kämpfen hatten (Heine, Büchner, Weerth usw.). Ein aufkläreri-
scher, kritischer Realismus galt damals noch als Majestätsverbre- 
chen, das nicht selten mit Gefängnis oder Ausweisung geahndet 
wurde. Man denke an die vielen >Realistenprozesse< im 19. Jahrhun-
dert, in die sogar ein esoterischer Künstler wie Flaubert verwickelt
wurde. 
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