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The German Studies Collection

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Wisconsin Workshop (8th : 1976 : Madison, Wis.) / Deutsche Feiern
(1977)

Haag-Shalter, Angelika; Pietsch, Sara Markham; Pelzer, Jürgen
100 Jahre Bayreuth-100 Jahre bürgerliche Selbstdarstellung,   pp. 143-154


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Angelika Haag-Shalter, Sara Markham Pietsch, Jürgen Pelzer 
In der praktischen Realisierung wirkte sich dies als Trend zur Entmate- 
rialisierung, Symbolisierung und Abstraktion aus. Dabei ist es kein Zufall,
daß man gerade 1951 mit einer Inszenierung desParsifal begann und damit
auch wieder die Sakralität des Wagnerschen Werkes betonte. In Stücken
wie Tristan und Isolde und Tannhäuser reduzierte man die Handlung auf
inner-psychologische Konflikte36. Was den Ring betraf, so versuchte man,
die germanischen Elemente so weit als möglich zu eliminieren und statt
dessen die mythologische Handlung weltanschaulich zu verallgemeinern. 
So stilisierte man ,Siegfried zum Symbol der Menschheit, die zwischen 
Taten und Erlebnissen dahinstürmt und sich in den Fängen der Materiali-
sten verstrickt, bis sie - mit Schuld beladen - zugrunde geht"33. Ein
sol- 
cher Ansatz nahm zu den konkreten Problemen des <heutigen Lebens- 
inhaltes" natürlich nur in vieldeutig-unverbindlicher Weise Stellung.
In 
einem Interview von 1965 versucht Wieland Wagner zwischen dem Ring 
und der zeitgenössischen Wirklichkeit eine Verbindung herzustellen und
spricht davon, daß man ~Walhall als Wallstreet sehen könne"38.
Wie belie- 
big mit modernistischen Interpretationen letzten Endes verfahren wurde, 
beweist Wielands eigene Deutung des Ring, in der er sagt: <Genau wie 
unsere neugeschaffenen Walküren jungen Menschen von heute ähneln,
so 
sind der Zwerg Alberich und der Gott Wotan gerissene Politiker und die 
Helden Siegfried und Siegmund Astronauten, die bereit sind, ihre Leben zu
opfern, um die Welt zu retten. Die Rheintöchter können als treue
Sekre- 
tärinnen ihres Chefs betrachtet werden. Wotans Frau Fricka ist jedermanns
ewig nörgelnde Schwiegermutter. Die Riesen Fasolt und Fafner, die Wal-
haUa um den Preis des Rheingolds bauen, sind Berufskiller; Alberichs Bru-
der Mime ist ein Kriecher, dem seine eigene Mutter nicht traut. Wotans 
Tochter Brünhilde ist die geborene Kameradin, Sieglinde die ewige Kinder-
gebärerin, Erda, Wotans Mätresse, ist eine schnippische Besserwisserin
und 
die Versucherin Gutrune ein mythologisches Call-girl'39. Die antikapitali-
stisch klingende Kritik war also nicht der Ausgangspunkt von Wielands 
letzter Inszenierung; vielmehr sollte damit lediglich die Auslegbarkeit des
Mythos bewiesen werden. Indem auch hier letztlich nur in idealistischer 
Weise die Auswirkungen des Kapitalismus angedeutet wurden, lief das 
Ganze auf eine überzeitliche Tragödie hinaus. Das vielgerühmte
Werkstatt- 
theater Wieland Wagners paßte sich damit den modischen Trends an. Die
formalen Experimente und neuen Deutungsversuche riefen zunächst zwar
den entschiedenen Protest der Altwagnerianer hervor, die sich schon 
immer gegen die geringste Abweichung von Wagnerschen Konzeptionen ge- 
stellt hatten. Allerdings dauerte es nie lange, bis die modisch veränderten
Produktionen allgemeine Zustimmung erlangten40. Damit hatte sich Neu- 
Bayreuth als eine Festspielinstitution etabliert, die nach außen hin
mit den 
reaktionären Tendenzen der früheren Festspiele gebrochen hatte
und völlig 
entpolitisiert schien. Und wieder hatte das Bürgertum in Bayreuth eine
Repräsentationsmöglichkeit gefunden, ohne daß es damit in
die Nähe des 
Faschismus gerückt werden konnte. 
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