Page View
Silberman, Marc, et al. (ed.) / The other Brecht I = Der andere Brecht
(1992)
Lehmann, Hans-Thies
Schlaglichter auf den anderen Brecht, pp. [1]-14
Page [1]
Schlaglichter auf den anderen Brecht
Hans-Thies Lehmann
I. Un-ernst, grau
...So ist das Andere, allein als soiches gefaBt, nicht das Andere
von Etwas, sondern das Andere an ihm selbst, d.i. das andere
seiner selbst. Das Andere ffir sich ist das Andere an ihm selbst,
hiermit das Andere seiner selbst, so das Andere des Andern,
-also das in sich schlechthin Ungleiche, sich Negierende, das
sich Verandernde... (Hegel)
Fu*r Brechts Werk gilt seine schone Wendung fiber die
Architekturen: "Die halbzerfallenen Bauwerke/!Haben wieder
das Aussehen von noch nicht vollendeten/ Grof3 geplanten..."
Sein Text ist ein Erkundungsfeld, voll von Halbzerfalle-
nem, zugleich das Manovergelande politischer Ideen, deren
groBerer Teil freilich das Schicksal der Vergainglichkeit ereilt
hat, rasch, wie es dem Jahrhundert entspricht. Aber das
Messer seines Schreibens weist scharf wie wenig andere auf
die zerreiBenden Probleme, denen jene Ideen antworteten und
die nicht gelost sind, weil der Sozialismus scheiterte. Vor den
Fragen sterben die Antworten. Brechts Fragen leben noch.
Deshalb-nicht nur, weil es vielfach einfach grandiose Kunst
ist-stobert man hoffnungsfroh immer neu auf dem Versuchs-
feld, ohne das Entsetzen fiber Ideen, die in Todeskailte und
Katastrophe fifihrten, zu verleugnen. Der andere Brecht ware
der, von dem noch immer die Fragen und die Intelligenz der
Weltbeschreibung Gfiltigkeit haben, nicht aber ohne aller-
strengste Prifung die Ideale des Kollektivs, der kommunis-
tisch-leninistischen Politik. Was genau von Brechts politischen
Analysen und Idealen und Utopien bleiben wird, darfiber wird
man nicht hastig urteilen wollen. Doch dfirfte Konsens zu
erzielen sein fiber seine Irrtfimer, was den Wert leninistischer
Parteien betrifft, sein Schweigen fiber die Verbrechen des
Stalinismus, seine Identifikation mit der verhaingnisvollen
Politik der Kommunistischen Internationale in den 30er
Jahren einschlieflich der haarstraiubenden Versimplung des
Faschismusproblems-am Ende die Verkennung der Nach-
kriegsdemokratie in der Bundesrepublik und das trotz auf-
keimender Resignation verbissene Festhalten an der historisch
zukunftweisenden Rolle der SBZ/gDDR.
Copyright 1992 by the International Brecht Society. All rights reserved.| For information on re-use see: http://digital.library.wisc.edu/1711.dl/Copyright




