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The German Studies Collection

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Brecht-Jahrbuch
(1976)

Singermann, Boris
Brechts Dreigroschenoper: zur Ästhetik der Montage,   pp. 61-[82]


Page 61

 
Boris Singermann (Moskau) 
Brechts Dreigroschenoper. 
Zur Asthetik der Montage 
I 
In der Geschichte des modernen Dramas konnte die Dreigro- 
schenoper einen der gr6foten Erfolge fur sich verbuchen.I 
Schon kurz nach der Berliner Uiauffiihrung (1928) wurde sie 
in Leipzig, Miinchen und K61n - und dann in Moskau, Paris, 
Warschau und anderswo nachgespielt. Eine Reihe der besten 
Regisseure - wie Erich Engel, Alexander Tairov, Gaston Bati, 
Leon Schiller und Emil Frantivek Burian - haben sich an 
ihr versucht. Georg Wilhelm Pabst, einer der bekanntesten 
Kameraleute der zwanziger Jahre, hat sie 193 1 verfilmt. Doch 
trotz dieser schnellen Internationalisierung ist die Dreigro- 
schenoper aufs engste mit dem Berlin der spiiten Weimarer 
Republik verbunden. Denn hier begegneten den Zuschauern, 
die abends nach dem Theater nach Hause gingen, auf den 
lichtiiberfluteten Stralen dieselben grotesken Helden, die sie 
soeben auf der Biihne gesehen hatten. So schreibt einer der 
Augenzeugen dieser Ara2: 
  >>Wir schlenderten die Friedrichstrafge entlang, die vom Licht der
Reklame uiberflutet war. Im gespenstigen lila Neonlicht erschienen die 
angeleuchteten Gesichter der Voriibergehenden wie unnatiirlich weifie, 
schaurige Masken. Die Darstellungen in den Theatern waren vorbei, die 
Zuschauer waren nach Hause gegangen und ein neuer Strom von Men- 
schen ging in Richtung der Nachtcafes, Bars und zum Tanz. Die Manner 
mit ihrer Melone und die angemalten Frauen schienen aus den Zeichnun- 
gen Von George Grosz zu stammen!, 
  Fern von ihrem Heimatland und seinem Theater erinnerten 
sich die Beteiligten der Berliner Urauffiihrung noch nach 
vielen Jahren an diese Auffiihrung wie an ein Wunder, das 
nicht dazu bestimmt war, wiederholt zu werden. Ebenso 
unerh6rt waren die Kontroversen, die dieses Werk ausl6ste, 
zu denen auch der beriihmte ProzefB geh6rt, den Brecht gegen 
Pabst anstrengte. Nicht minder ungew6hnlich war es, dafI 
Brecht auch sp~iter vom Dreigroschenthema fasziniert blieb, 
da er darin wichtige, noch weitgehend ungenutzte Mdglich- 
                                                        6i 


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