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The German Studies Collection

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Brecht-Jahrbuch
(1974)

Hermand, Jost
Literarische Technik und soziale Revolution,   pp. 162-[165]


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Heinz Briiggemann, Literarische Technik und soziale 
Revolution. Versuche iiber das Verhi-ltnis von Kunst- 
produktion, Marxismus und literarischer Tradition in 
den theoretischen Schriflen Bertolt Brechts (Reinbek: 
Rowohlt, 1973), 340 Seiten. 
Dies Buch ist eines der besten Dokumente f ur die >Urgeschichte< 
jenes neulinken Bewufltseins, das sich seit der Mitte der sechziger 
Jahre innerhalb der bis dahin weitgehend >affirmativ< einge- 
stellten westdeutschen Studentenschaft auszubreiten beginnt. Es 
ist in den Jahren 1968 bis 1972 entstanden und hat geradezu 
an allen ┬╗Bewufltseinsformen der antikapitalistischen und 
emanzipatorischen Bewegungen,, dieses Zeitraums teil, wie sein 
Autor (Jahrgang 1943) gleich zu Anfang unumwunden zugibt. 
Und zwar ist dies nicht als Einschrdnkung oder gar Entschul- 
digung gemeint. Im Gegenteil. Mit dem Bekenntnis zur >Histo- 
rizitiit< aller geistigen Bemiihungen will Briiggemann zugleich 
seinen ideologischen Standort umreiflen, der auch in seinen 
Essays in Politikon, Neue Kritik und Alternative klar genug 
zum Ausdruck kommt. Das gleiche gilt fu*r seine Darbietungs- 
weise, die bewuf~t >offen< ist und nirgends triigerische Harmo- 
nien vorzut~iuschen sucht. Statt sich um eine gefdillige Abrun- 
dung zu bemiihen, lMif*t Briiggemann manches durchaus unge- 
glaittet und widerspruchsvoll, um im Brechtschen Sinne den 
Eindruck des Versuchshaften zu erwecken. 
  Was diesem Buch trotz aller ideologischen Verve fehlt, ist ein 
  zentrierender Brennpunkt. Urspriinglich wollte Briiggemann 
  lediglich der Frage nach den literarischen Traditionen in der 
  Lyrik des frtihen Brecht nachgehen - wie das gutbiirgerlichen 
Dissertationsgepflogenheiten entsprochen hditte. Doch auf diese 
Frage kommt er erst auf Seite 225 wieder zuriick. Was ihn bis 
dahin beschaftigt, ist erst einmal das Problem des >literarischen 
Erbes< iiberhaupt und dann die Funktion dieses Erbes im Rah- 
men einer materialistischen Kunsttheorie. Indem Briiggemann 
dabei der schrittweisen Marxismus-Rezeption des jungen Brecht 
nachgeht, stellt er zugleich seine eigene Marxismus-Rezeption 
dar, was diesem Buch einen doppelten Dokumentarcharakter 
gibt. Als gewissenhafter Chronist geht erl im Zuge dieser Dar- 
stellung auf fast alle Fragestellungen ein, welche die Neue 
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