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Brecht-Jahrbuch 1979
(1979)
Hermand, Jost
Unter Christenmenschen. Krupp, Pabst und Co., pp. 121-[130]
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Jost Hermand (Madison, Wisconsin)
Unter Christenmenschen.
Krupp, Pabst & Co.
Eine Studie iiber >Brecht und die Religion< ist von Teilen der
westlichen Brecht-Forschung immer wieder als ein unverzichtba-
res Desideratum bezeichnet worden. Auf diesem Sektor scheint
also im Turmbau der Brecht-Philologie lange Zeit eine >empfind-
liche Liicke, geklafft zu haben (wie sich solche Leute gern aus-
driicken). Nun, diese Liicke ist inzwischen gestopft worden.
Zwei dicke Wilzer sind in den letzten Jahren herausgekommen,
die sich ausschliefllich diesem Thema widmen: >Wach auf, du
verrotteter Christ!' Christliche Kommentare zu Bert Brecht (Es-
sen, 1972) von Gerhard Krupp und Brecht und die Religion
(Graz, 1977) von Hans Pabst. Doch diese Biicher werden der
Brecht-Philologie sicher nicht gefallen - und sind von ihr bisher
auch kaum wahrgenommen worden. Denn in ihnen dominiert
eine handfeste Theologie; und so tief wollen die westlichen
Brecht-Philologen (meist achtbare Liberale, Humanisten oder
Marxisten) nun doch nicht absteigen. Diese Forscher setzen sich
lieber mit Geschichtsphilosophie, mit isthetischer Theorie, ja
zum Teil auch mit Politik auseinander - aber nicht mit dem
leidigen Thema >Religion<, das seit der Mitte des i8. Jahrhun-
derts, seit der Aufkl~irung fur viele Liberale in jenen Bereich
geh6rt, den man als abgestanden, ja ranzig empfindet.
Bei einer so hochmiitigen Abwendung von allem Religidsen
kdnnen sich die jiingsten Nachgeborenen unter diesen Altlibera-
len allerdings nicht auf ihren Gewihrsmann Brecht berufen.
Dieser war sich nimlich nicht zu gut, immer wieder auf das
Thema ,Christentum, zuriickzukommen, da nun einmal diese
Religion bis heute - teils bewugt, teils unbewuift - die Hirne,
Gemiiter und andere K6rperteile breitester Bev6lkerungsschich-
ten in einem systemstabilisierenden Sinne zu disziplinieren hilft.
Wie schon Lessing, Heine, Feuerbach und Marx (in aufsteigender
Linie, versteht sich) hat Brecht mit seiner Kritik stets da ange-
setzt, wo sie wirklich verletzte, das heiftt bei den religi6sen und
politischen Massenideologien. Er wollte nicht nur die Aufklirer
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