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Brecht-Jahrbuch 1974
(1974)
Nägele, Rainer
Geschichten zur Geschichte, pp. 172-[179]
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Jan Knopf, Geschichten zur Geschichte. Kritische Tradition des ,Volkstiimlichen<< in den Kalender- geschichten Hebels und Brechts (Stuttgart: Metzler, 1973), 336 Seiten. Geschichten zur Geschichte ist der addquate Titel dieses Buches, sein Leitmotiv. Um das Verhiltnis der einzelnen, partikuliren Geschichte (story), wie sie in Kalendern beliebt ist, zur groflen, allgemeinen Geschichte (history) geht es hier. Damit setzt die Fragestellung neue Akzente in der Diskussion zur Kalenderge- schichte, indem sie diese in Beziehung zur Geschichte stellt, genauer: die ihr immanente Geschichte an den Tag bringt. Dem Leitthema entsprechend beginnt Jan Knopf mit Brechts Fragen eines lesenden Arbeiters, einem Kalendergedicht; denn Brecht hatte diese Verse nicht nur in der Sammlung Svendbor- ger Gedichte publiziert, sondern 1949 erneut in einer Sammel- ausgabe, die er Kalendergeschichten nannte. Damit wird ein weiterer Aspekt von Knopfs Buch deutlich: dafg ndimlich die Kalendergeschichten hier nicht auf eine Form oder Gattung be- schrinkt sind. Die Gedichtanalyse bringt keine wesentlich neuen Aspekte, wehrt sich aber gegen eine Hsthetische Sublima- tion, die dem Gedicht Einheitlichkeit und Geschlossenheit un- terstellt, um »nach den Fragen nicht weiter zu fragen,« (S. 2). Von Anfang an beeindruckt Knopfs Buch durch eine jiber- zeugende Verbindung von ideologiekritischem Verstand und sprach- und formalanalytischer Genauigkeit. Dialektische Text- immanenz mbchte man das Verfahren nennen, im Unterschied zu einer eindimensionalen Textimmanenz, die allzu schnell vorentscheidet, was Texten immanent sein diirfe, was nicht. Gelegentlich allerdings bedauert man auch in diesem Buch, dafi die Immanenz zu kurz greift. Dariiber wird noch zu sprechen sein. Das Brechtgedicht wirft die Frage nach der Definition der Ka- lendergeschichte auf. Die traditionellen literarischen Gattungs- begriffe lassen sich hier offenbar nicht anwenden. Dagegen wird die Kategorie der *»Volkstiimlichkeit<, gerne mit der Ka- lendergeschichte verbunden. Und damit ist das zweite, im Un- tertitel des Buchs genannte Hauptthema angeschlagen. Das ist nun allerdings ein Begriff, um den sich viel Dunst und Nebel 172
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